Musik

60s-Rosinchen

Mit „Best of the 60s“-CDs könnte man wahrscheinlich mühelos kilometerweise die Straße pflastern. Ganz davon abgesehen, dass die meisten ja entweder mehr oder weniger die gleichen Songs zusammenstellen oder irgendwelche musikalischen Fragwürdigkeiten dazumischen, die lediglich als Füllsel dienen. Und selbst, wenn solche Zusammenstellungen gut und sachkundig gemacht sind, hängen einem doch die ewig gleichen Ohrwürmer irgendwann zum Hals raus. Dabei gab es damals – und gibt es erst recht heute für diejenigen, die die Zeit selbst nicht miterlebt haben – ungeheuer viel zu entdecken.

Das soll jetzt freilich keine Aufforderung zum Abstieg in das Labyrinth des Garagen-Punks oder der vielen zeitgebundenen und meist recht kurzlebigen Psychedelic-Gruppen sein, die aus der Distanz oft nur noch peinlich klingen. (So manches hat mich beim Wiederhören doch auf unangenehme Weise an eine gewisse Zeit der eigenen Unreife erinnert. ) Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass viele heute völlig unbekannte Gruppen, Songs & Singers es mehr als wert wären, endlich einmal gewürdigt zu werden.
Denn abseits vom Mainstream gab es allein in der kurzen Zeit von 1967 bis 1970 eine schier überbordende Fülle musikalischer Formen und Ideen, von denen viele heute oft schon wieder völlig vergessen sind. Deshalb liebe ich Youtube, wo man mittlerweile dank eifriger Sammler und Uploader so ziemlich jede dieser 60s-Rosinchen wieder in der einen oder anderen Form wiederfindet. (Na ja, sofern man den Firefox nutzt und sich durch kleine Addons wie Anonymox  oder Googles Widevine Content Decryption vor den Sittenwächtern der deutschen GEMA zu schützen weiß, die uns dieses Hörvergnügen einfach nicht gönnen wollen. ;))

Vor einigen Jahren habe ich  spaßeshalber aus meiner eigenen Sammlung mal eine CD mit 20 (+1) Variationen mehr oder weniger desselben Grundthemas zusammengestellt und bin immer noch fasziniert davon, wie mit wenigen Akkorden (A, B, C, F, Am, Dm, Gm und natürlich dem beliebte Bm7-Barrégriff) eine Soundvielfalt gelingt, die heute noch ihresgleichen sucht.  Damit das Ganze hier keine Trockenübung bleibt, habe ich zu jedem Titel den passenden Youtube-Link herausgesucht.

    1. Barclay James Harvest – Poor Wages (1969)
      R-150-3014740-1311779236[1]Ein Stück aus der längst vergessenen Ära der Single-Platten (heute würde man vielleicht 7″-Vinyl dazu sagen), genauer gesagt die B-Seite der zweiten Single  Brother Thrush der Gruppe um den Sänger und Komponisten John Lees, der mit wechselnden Besetzungen noch heute unter dem Gruppennamen auftritt. Poor Wages (im Iran seinerzeit ein Nr. 1 Hit!)  ist vermutlich das gefälligste in diesem Reigen. Barclay James Harvest lieferte klassischen Mainstream-Pop, aber mit gelungenen Riffs, so dass sich dieser Song als Auftakt gut eignet. Das Original war leider auf Youtube nicht aufzutreiben, die dort hochgeladenen Liveversionen aus den letzten Jahren sind nicht nur von grottiger Qualität, sondern kommen auch an das Original nicht mehr ran. Deshalb hier nur die HörvJohn Mayall Hard Roadersion.
    2. John Mayall’s Bluesbreakers – The Supernatural (1967)
      Im Großbritannien der frühen 60er gab es zwei Talentschmieden, aus denen viele später höchst erfolgreiche Musiker hervorgingen: Alexis Korner’s Blues Incorporated und John Mayall’s Bluesbreakers.  Korner förderte Musiker  wie  Brian Jones (Rolling Stones), Mick Jagger (Rolling Stones), Charlie Watts (Rolling Stones), Danny Thompson, Jack Bruce (Cream), Ginger Baker (Cream) oder Eric Burdon (Animals), in Mayall Band starteten u.a. Eric Clapton (Cream), Peter Green (Fleetwood Mac),  John McVie (Fleetwood Mac), Mick Fleetwood (Fleetwood Mac), Andy Fraser (Free), Mick Taylor (Rolling Stones),die Schlagzeuger Aynsley Dunbar, Jon Hiseman und Keef Hartley oder auch Jazzmusiker wie Dick Heckstall-Smith und Henry Lowther.  Als Clapton 1967 die Bluesbreakers verließ, um mit Ginger Baker und Jack Bruce die inzwischen legendären Cream zu gründen (deren genialer Songwriter Pete Brown hier auch noch mit einem Stück vertreten ist), wurde er von dem Gitarristen Peter Green ersetzt. Green blieb nur ein Jahr, um darauf mit den beiden anderen Bluesbreakers John McVie und Mick Fleetwood  Fleetwood Mac zu gründen. Greens Komposition Black Magic Woman wurde später durch Santana zu einem Welthit, aber schon als Ersatzmann für Clapton demonstrierte er auf dem Album A Hard Road  seine Kreativität. Das Instrumentalstück, das Peter Green hier auf seiner Gibson Les Paul auf unnachahmliche Weise spielt, gehört für mich zu den schönsten Bluesnummern überhaupt, wenn es auch ein klein wenig an B.B. King’s The Thrill is gone erinnert.
      Drogenmissbrauch und eine durch übermäßigen LSD-Konsum hervorgerufene Schizophrenie führten zum Absturz und langjähriger psychiatrischer Behandlung. Fleetwood Mac musste sich Anfang der 70er Jahre völlig neu erfinden. Peter Green fand nach 1970 nur noch selten für kurze Zeit zu einer Form zurück, in der sein früheres geniales Gitarrenspiel wenigstens aufblitzte, so in der folgenden Live-Version des Songs aus dem Jahre 1998: https://www.youtube.com/watch?v=cC48etW-Xs4

  1. Dave Mason – World in Changes (1970)
    Wieder eine Single, die als über 7 Minuten lange Version 1970 auf der LP Alone Together veröffentlicht wurde. In den Anfängen Road Manager der Spencer Davis Group, machte sich Dave Mason vor allem als Produzent und gefragter Studiomusiker einen Namen.  Obwohl er bei vielen bekannten Bands mitspielte, ist dem britischen Gitarristen der große Solo-Durchbruch nie gelungen. Andere landeten statt dessen mit seinen Kompositionen große Hits – wie etwa Joe Cocker, der das ursprünglich für die von Mason mitbegründete Gruppe Traffic geschriebene „Feeling alright“ coverte.
  2. John Mayall – Broken Wings (1968)
    John_Mayall-The_Blues_Alone-Frontal[1]Mit The Blues Alone brachte Mayall 1968 ein Soloalbum heraus, auf dem er alle Instrumente selbst spielte. Nur das Schlagzeug übernahm sein damaliger Drummer Keef Hartley. Das von Mayall auf seiner Hammond Orgel ungemein stimmungsvoll gespielte „Broken Wings“ habe ich unzählige Male gehört. Berührend, und für mich eines der schönsten Stücke Mayalls überhaupt – auf jeden Fall eine Perle der 60er Jahre. Hier noch eine Live-Version vom Montreal Jazz Festival 1984 mit einem tollen Gitarrensolo, die aber die Zartheit des Originals nicht erreicht: https://www.youtube.com/watch?v=-QOCLQ0A6wA
  3. Keef Hartley Band – Too Much Thinking (1969)
    Fast drei Jahre lang war Keef Hartley Schlagzeuger bei John Mayall’s Bluesbreakers, bis dieser ihn 2009 aus der Band warf. Hartley rächte sich, indem er nicht nur einen Gutteil von Mayalls Band für seine neue Gruppe rekrutierte, sondern am Anfang und Ende des Debutalbums Halfbreed ein Telefonmitschnitt zu hören war, in dem ihm Mayall seinen Rauswurf ankündigte. Die gesamte Bläser-Sektion von Hartleys machnmal sehr jazziger Bluesformation kam von den Bluesbreakers: Henry Lowther (Trompete, Violine), Harry Beckett (Trompete), Lyn Dobson (Tenorsaxophon, Flöte) und Chris Mercer ((Tenorsaxophon). In Miller Anderson hatte Hartley einen unglaublich kreativen Gitarristen gefunden, der nicht nur den Sound der Band entschieden prägte, sondern auch die meisten Songs beisteuerte. Aber Too Much Thinking lebt auch von dem wundervollen Violinsolo Herny Lowthers. Als ich diesen Song erstmals live beim Auftritt der Band beim Internationalen Pop- und Bluesfestival Anfang Oktober 1969 in Essen hörte, spielte Lowther das Solo auf einer verhallten Trompete. Es war schier, als wäre die Zeit stehengeblieben … Na ja, endgültig stehen blieb sie ein paar Stunden später, als gegen 3 Uhr nachts dann endlich Pink Floyd auftraten, die gerade ihr zweites Album Ummagumma herausgebracht hatten.
  4. John Dummer Blues Band – Nine by Nine (1969)
    John-Dummer-Blues-Band-Nine-By-Nine-373672[1]Bis weit in die 80er Jahre hinein war dieser Ohrwurm immer mal wieder im WDR zu hören. Vermutlich hatte der Toningenieur einen Narren daran gefressen. Damals gab es ja noch keine Playlists im Internet, weil das WWW noch nicht erfunden war und man allenfalls per Modem und kryptischen Befehlen miteinander kommunizieren konnte. Also rief ich irgendwann in der Redaktion in Köln an und fragte, wie denn der Song heißt, der gerade mal wieder lief. Seitdem bin ich ein treuer Fan der englischen John Dummer Blues Band. Nine By Nine, ursprünglich auf dem Debutalbum Cabal erschienen, wurde 1972 Nr. 1 der französischen Charts und ist seitdem Kult.
  5. Pete Brown & Piblokto! – My Love’s Gone Far Away (1970)
    Was wäre aus der legendären Gruppe Cream geworden, hätte nicht im Hintergrund Pete Brown zusammen mit Jack Bruce ihre größten Hits geschrieben. Der heute 74jährige und immer noch aktive Lyriker und Musiker Brown, der den Poetry Slam bereits praktizierte, als dieses Genre noch gar nicht erfunden war, startete Mitte der 60er Jahre mit der First Real Poetry Band, deren Gitarrist kein Geringerer als John McLaughlin war. McLaughlin widmete ihm sogar auf seinem ersten Solo-Album  Extrapolation (1969) einen Song: „Pete The Poet“. Nach Browns Rauswurf  aus seiner eigenen Band Battered Ornaments gründete er Piblokto! (ja, mit Ausrufezeichen), von deren erster LP Things May Come and Things May Go but the Art School Dance Goes on Forever der Song stammt. Brown war nie ein überragender Sänger, verfügte aber schon über eine irgendwie unverwechselbare Stimme. Das Debut war ein herrlich relaxtes Album mit großartigen Musikern – und wahrscheinlich dem einzigen Ziehflöten-Solo der Rockgeschichte, zu hören als Solo des Songs High Flying Bird.
  6. Tim Buckley – Phantasmagoria in Two (1968)
    Auch so einer dieser Frühvollendeten jener Jahre, deren Talent sich damals kommerziell nicht auszahlte und die ihr 30. Lebensjahr nicht mehr erlebten.  Der 19jährige Tim Buckley startete 1966tim2[1] mit einem Debutalbum, das er selbst später als „Disneyland“ verspottete, weil die meisten seiner Songs mit den damals üblichen Streichern unterlegt und auf Mainstream gebürstet worden waren.  Doch bereits das zweite Album Goodbye and Hello (1967), von dem auch dieser Song stammt,  erwies ihn als begnadeten Songschreiber und Sänger mit einer unverwechselbaren Stimme, die von einem volltönenden Bariton bis zum Falsett reichte und angeblich 8 Oktaven umfasste. 9 Jahre und 8 Alben später starb er an einem Mix aus zuviel Alkohol und unverschnittenem Heroin, das er vermutlich mit Kokain verwechselt und geschnupft hatte. Die letzten drei LPs mit z.T. wüsten Rocknummern verprellten die meisten seiner ohnehin nicht gerade zahlreichen Fans. Buckley starb mittellos und ohne dass ihn sein damals 8-jähriger Sohn Jeffrey aus seiner gescheiterten ersten Ehe noch einmal gesehen hatte. Es gehört zu den merkwürdigen Koinzidentien mancher Biographien, dass Jeff Buckley, der seinem Vater nicht nur äußerlich, sondern auch stimmlich sehr ähnlich war, diesen nur um wenige Jahre überlebte. Er ertrank mit 30 Jahren bei einem tragischen Unfall und erlebte den Erfolg seiner posthum veröffentlichten Live-Coverversion von Leonard Cohens Halleluja nicht mehr.
    Seinen Vater Tim Buckley 1968 auf den Essener Songtagen on stage erlebt zu haben, gehört zu den Sternstunden meines an Musikerlebnissen gar nicht mal armen Lebens. Einen Eindruck vermittelt vielleicht diese Liveversion des Songs von einem Konzert in London 1968: https://www.youtube.com/watch?v=mchRe5h2KFk live
  7. Deep Purple – Lalena
    Dass ausgerechnet Deep Purple so eine Art Kultstatus als Hard-Rockband bekommen haben, konnte in den ersten Jahren der Band noch keiner ahnen. Denn die 1968 geründete Band bestand zwar von Anfang an aus erstklassigen Musikern, aber sie hatte eigentlich lange Zeit nicht mal einen typischen Sound. Jon Lord und Ritchie Blackmore waren Meister 1969-deep_purple_deep_purple[1]darin, Trends aufzugreifen oder schlicht zu kopieren. Das Debutalbum Shades of Deep Purple zeichnete sich durch überdehnte, langsam anschwellende Cover bekannter Hits, wie z.B. Jimi Hendrix‘ „Hey Joe“ oder „Help“ von den Beatles aus – ein Stil, den sie der damaligen US-Supergroup Vanilla Fudge abgeschaut hatten. Das zweite Album setzte auf eher blecherne Coverversionen wie Ike & Tina Turners „River Deep, Mountain High“ oder Neil Diamonds „Kentucky Woman“. Dieses Herumeiern war kein Wunder, denn die Gruppe war ursprünglich der Versuch zweier britischer Geschäftsleute, im Musikbusiness abzusahnen. Zu diesem Zweck heuerten Sie den klassisch ausgebildeten Organisten Jon Lord an, der nach diversen anderen Bands gerade bei den Flowerpot Men eingestiegen war, die im Windschatten von Scott McKenzies „San Francisco“ einen Achtungserfolg mit dem heute fast vergessenen Stück „Let’s Go To San Francisco“ in den britischen Charts gelandet hatten. Jon Lord sollte für sie eine Rockgruppe zusammenstellen. Glücklicherweise konnte  er mit dem Session-Musiker Ritchie Blackmore einen talentierten Gitarristen einbringen. poster1054large[1]Das dritte und letzte Album in der Ursprungsbesetzung, das zunächst – erfolglos – nur in den USA bei einem leider fast insolventen Plattenlabel erschien, enthielt erstmals fast ausschließlich Eigenkompositionen und deutete jetzt allmählich den Weg in den Hard- und Speedrock an, der dann später zum Markenzeichen der Gruppe werden sollte. Geklaut wurde allerdings auch hier, nur diesmal war es kein Musikstil, sondern das ausklappbare Plattencover. Zwei Jahre zuvor war beim New Yorker Underground-Label ‚ESP Disc‚ die erste LP von Tom Rapps Gruppe Pearls Before Swine erschienen – mit eben diesem Bild als Posterbeilage und einem anderen Ausschnitt auf dem Cover, nämlich der Hölle aus dem Tryptichon „Der Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch.  Ein Jahr später folgte dann Pearls Before Swines großartiges Balaklava, auf dessen Cover Pieter Breughels Triumph des Todes zu sehen war. (Ende der Abschweifung!) Zwei Songs des dritten Albums mit dem schlichten Titel Deep Purple fielen aus dem Rahmen, das zusammen mit einem klassischen Orchester eingespielte April, und die sehr schön für Orgel arrangierte  Ballade Lalena des Folksängers Donovan. Als im November 1968 Dave Edmunds Band Love Sculputure  mit Sabre Dance, einer Speed-Version des Säbeltanzes von Chatschaturjan die englische Top Ten stürmten, legte eine Band namens Episode Six im Februar 1969 mit einer noch schnelleren Version namens Mozart versus the Rest nach. Das Plagiat blieb erfolglos, wie die ganze Gruppe überhaupt, aber Lord und Blackmore wurden auf sie aufmerksam und schauten sie sich live an. Danach engagierten Sie den Sänger Ian Gillan, der dann gleich auch noch den Bassisten Roger Glover mitzog, für Deep Purple. Und wieder erfand sich Deep Purple neu – und Speedrock-Sound, der zu ihrem Markenzeichen wurde, nahm mit Deep Purple in Rock seinen Anfang. Der Rest ist Rockgeschichte …
  8. Earth – Opera – All Winter Long (1969)0725543268914[1]
    Zu einer Zeit, als selbst der Countrysänger Kenny Rodgers mit seiner damaligen Band First Edition und dem Song Just Dropped In  einen Ausflug in einen – wenn auch –  weich gespülten Psychedelic-Sond unternahm, gründete die heutige Bluegrass-Legende Peter Rowan mit dem Folk-Gitarristen David Grisman und dem Schlagzeuger Billy Mundy von Frank Zappas Mothers of Invention die Gruppe Earth Opera. Die Songs der einzigen beiden Alben der Band fielen selbst damals aus dem Rahmen, weil die manchmal schwermütigen Kompositionen Rowans durch den Einsatz von zwei Saxophonen, Flöte und Rowans Mandoline schon einen ganz eigenen Sound irgendwo zwischen Folk und psychedelischen Anklängen besaßen.  Kurz nach ihrem zweiten Album The Great American Eagle Tragedy, an dem u.a. auch John Cale mit Viola und Gitarre mitwirkte, löste sich die Gruppe auf. Zu den gefälligeren Song dieses Albums gehört auch All Winter Long. Ich mag einfach das coole Saxophon-Solo.
  9. Cuby and the Blizzards – Somebody Will Know Someday
    Die Niederlande hatten in den 60er Jahren mehr zu bieten als Shocking Blue mit ihrem Hit Venus, gesungen in einem grauenhaft falschen Englisch. Viele ausgezeichnete Rock- und IMG_3797[1]Bluesgruppen wie Golden Earring, Brainbox, Q65 oder Sandy Coast zeigten, dass sie mit ihren Vorbildern in den USA und Großbritannien durchaus konkurrrieren konnten. Zu den herausragenden LPs gehört ganz sicher das 1967 erschienene dritte Album Groeten ut Grollo von Cuby and the Blizzards, das bei uns den nichtssagenden Namen Soul trug. Somebody Will Know Someday mit seinem verjazzten Soloeinlagen gehört zu den Songs, die ich mir auch heute immer noch gern anhöre – obwohl ich offen gestanden den etwas exaltierten Gesang des 2011 verstorbenen Harry „Cuby“ Muskee allmählich leid bin.
  10. Cressida – Cressida
    cressida[1]Wie so viele der Progressive Bands, die das englische Label Vertigo Records herausbrachte, war auch Cressida eine relativ kurzlebige Erscheinung, die es nur auf 2 LPs brachte und sich danach wieder auflöste. Die Riffs gibt hier nicht die Gitarre, sondern die dominierende Orgel vor.
  11. The Kaleidoscope – If The Night
    Die Rockmusik wäre ein ganzes Stück ärmer ohne den Multi-Instrumentalisten David Lindley, dessen Band Kaleidoscope Ende der 60er zu den angesagtesten Live-Acts Kaliforniens gehörte. „Egyptian Gardens“, Cab Calloway’s „Minnie the Moocher“ oder das düstere  „Oh Death“ gehörten zu den Highlights ihrer Auftritte.  Und sie verstanden sich ebenso gut auf das Komponieren von Songs mit Ohrwurm-Charakter im typischen mehrstimmigen California-Sounds wie eben „If the Night“ von der LP Side Trips.
  12. Spirit – Grammophone Man (1968)
    1978 bracht der 2001-Versand einen 1562 Seiten umfassenden Wälzer im Quartformat heraus, der alle Plattenkritiken der von Rainer Blome 1966 gegründeten Musikzeitschrift Sounds enthielt. Die breitgestreuten Musikkritiken versammelten eigentlich so ziemlich alles, was man über die Progressive Music der 60er und frühen 70er Jahre wissen musste. Die Ausgaben der ersten Jahren erschienen anfangs unregelmäßig, später monatlich noch im Eigendruck auf 160-Gramm-Papier, mehr laienhaft als professionell gestaltet, aber immer absolut up to date. Ich hatte sie ab 1968 abonniert, weil es zum ersten Jahresabo umsonst das schon erwähnte Album Balaklava von Pearls Before Swine gab. 51m6DF7IrtL[1]Allein das war es schon wert! Als die Doors gerade im Zenith ihrer Berühmtheit standen, hatte sie der Redakteur der Sounds 1968 in den USA live erlebt und wunderte sich darüber, wie diese im Grunde mittelmäßige Band einen dermaßen großen Hype auslösen konnte. Und er hatte völlig recht! Zwar hatten die Doors mit Jim Morrison einen charismatischen Sänger, dafür aber Musiker, die sich dank Ray Manzareks langweiligem Orgelgedudel nach einem einigermaßen orginellen Debutalbum streckenweise wie das Sir Douglas Quintett („Mendocino“) auf Speed anhörten (na gut, das hab ich jetzt gesagt). Er habe dagegen, so der Redakteur damals, wesentlich innovativere Gruppen kennengelernt – und er verwies da insbesondere auf Spirit, die gerade ihr Debutalbum herausgebracht hatten. Und was die Band um den virtuosen Gitarristen Randy California und seinen Stiefvater, den Jazz-Schlagzeuger Ed Cassidy drauf hatte, konnte man noch zu einer Zeit live und auch auf Platten oder CDs genießen, als die Doors längst Geschichte waren. Ein kleines Kabinettstückchen von der ersten LP, die auch entschieden härtere Stücke zu bieten hatte, ist „Grammophone Man“ mit seinem grandiosen Tempowechsel zum jazzigen Mittelteil.
  13. Michael Chapman – Kodak Ghosts (1970)
    Zu den besseren Alben des britischen Photographen und Folksängers Michael Chapman, der immer so ein bisschen wie Bob Dylan zu nuscheln versuchte, gehörte das 1970 MichaelChapmanLP[1]erschienene Fully Qualified Survivor. Ich mochte die LP eigentlich sehr, bis ich irgendwann in der zweiten Hälfte der 70er Jahre Chapman dann mal in der Marburger Stadthalle live erlebte, in einem ziemlich desolaten und offenbar ziemlich zugedrönten Zustand. Irgendwo sogar verständlich, denn im Vorprogramm seiner Tournee trat ein völlig unbekannter brasilianischer Gitarrist auf, der – bei einem Stück sogar einhändig – geradezu phantastisch spielte. Das Publikum raste förmlich. Und danach hatte Chapman, der weder über große Ausstrahlung noch über eine auch nur annähernde Virtuosität auf der Gitarre verfügte, denkbar schlechte Karten. Es hätte nicht viel gefehlt und er wäre ausgepfiffen worden. Erst Jahre später konnte ich mir wieder seine Stücke anhören, weil ich diese klägliche Vorstellung immer wieder vor Augen hatte.
  14. Sam Gopal – Angry Faces (1967)
    Kaum zu glauben, aber der Leadgitarrist, Komponist und sensible Sänger dieser Londoner Gruppe um den indischen Tablaspieler Sam Gopal ist kein geringerer als das Heavy-Metal-Urgestein Lemmy Kilmister! 115522162[1]Damals freilich nannte er sich nach seinem Stiefvater Willis – Ian „Lemmy“ Willis (auf dem Plattencover ganz. links zu sehen). Der heutige Frontmann von Motörhead hatte bis auf einen (bis auf ein Cover von Donovans Season of the Witch) alle Songs dieses fulminanten Albums Escalator nicht nur selbst geschrieben, sondern er zeigte auch, dass er mal richtig gut singen konnte und zudem eine angenehm volltönende Stimme hatte. Der einzigartige Sound der Band kam schon dadurch zustande, dass die indische Tabla das Schlagzeug ersetzte und bemerkenswert gut zu zwei Sologitarren und einem Bass passte. Nach dem Debutalbum und einer Single verlief sich, wie Lemmy das vor ein paar Jahren mit dem ihm eigenen schrägen Humor in einem Interview mit der englischen Musikzeitschrift Uncut ausdrückte, die Gruppe schon 1968 irgendwann im Drogennebel, ohne sich jemals aufgelöst zu haben.
  15. Taste – Leaving Blues (1969)
    taste-taste[1]Die dreiköpfige Band um den englischen Bluesgitarristen Rory Gallagher bestand in dieser Besetzung von 1968 bis 1970. Wenn er auch bestimmt nicht der größte lebende Gitarrist war, als der er sich gern bezeichnet hat, so gehörte der Ire Gallagher doch zu den innovativsten Bluesgitarristen der 60er Jahre und weit darüber hinaus, da er es immer wieder verstand, dem Blues durch ungewöhnliche Arrangements eine regelrechte Auffrischungskur zu verpassen. Das galt schon für die Songs auf dem Debutalbum, von dem auch „Leaving Blues“ stammt.
  16. Ten Years After – Adventures Of A Young Organ (1967)
    Spätestens seit dem Woodstock-Festival galt Alvin Lee mit seinen ebenso kreativen wie unglaublich flinken Soli als Virtuose des Bluesrock. Als die britische Band Ten Years After damals mit einer furiosen Version des Klassikers I’m Going Home losrockte, war das Publikum hin und weg. Dass sie sich aber ebenso auf die leisen, mehr jazzigen Töne verstanden, haben Lee und der Keyboarder Chick Churchill schon 1967 mit diesem disziplinierten Stück vom ersten Album unter Beweis gestellt.
  17. Colosseum – Elegy (1969)
    Auch der Schlagzeuger Jon Hiseman hatte 1968 ein Intermezzo bei John Mayall’s Bluesbreakers, bevor er die Jazz-Rock-Formation Collosseum gründete. Die Band spielt (nach einigen Jahren Unterbrechnung) bis zum heutigen Tag in der Originalbesetzung des Jahres 1970. Hinzu gekommen ist lediglich Hisemans Ehefrau, die Saxophonistin Barbara Thompson, die den 2004 verstorbenen Tenor-Saxophonisten Dick Heckstall-Smith ersetzte. Elegy vom zweiten Album Valentyne Suite (benannt nach dem gleichnamigen fast 17 Minuten langen Stück) ist eine schnelle Blues-Nummer in Moll, die wie so viele andere Stücke Hisemans von dem Perkussionsteppich lebt, mit dem er den Sound der Band von jeher prägte.
  18. Jethro Tull – Serenade To A Cuckoo (1968)
    Längst ist Jethro Tull ein Ehrenplatz in der Valhalla des Rock sicher. Die Gruppe ist sozusagen in Würde gealtert; ganz im Gegensatz zu vielen anderen, die wie die Stones noch mit 70 auf geradezu lächerliche Weise mit ihren verlebten Gesichtern auf der Bühne die ewige Jugend zu beschwören versuchen und dabei nur noch wie ihre eigenen Karikaturen wirken. Mit verjazzten Versionen früherer Songs oder neuem, sozusagen altersgerechten Material hat Ian Andersons Band bis in die letzten Jahre bewiesen, dass man jahrzehntelang zusammen spielen kann, ohne dass einem deswegen die Ideen ausgehen müssen. Mittlerweile wieder, ganz sicher aber in den Anfängen, lebte Jethro Tull noch ganz von den Einflüssen des Jazz. Andersons großes Vorbild war der Jazz-Saxophonist Roland Kirk, dessen Serenade To A Cuckoo er auf der ersten LP This Was 1968 im Zusammenspiel mit dem damaligen Gitarristen Mick Abrahams kongenial eingespielt hat. Eigentlich gefällt mir Jethro Tulls Adaption besser als das Original Kirks, hier in einer Live-Version aus dem Jahre 1972: https://www.youtube.com/watch?v=BsaxODHI3fA
  19. The Fugs – Marijuana
    Die Nr. 21 passt zugebenerweise nicht so ganz zu den übrigen. Aber irgendwie gehört sie für mich dazu. 1966 schnappten sich die beiden Beatnik-Poeten Ed Sanders und  Tuli Kupferberg, letzterer damals immerhin schon 63(!) Jahre alt, eine Gitarre, lernten ein paar Griffe und gründeten The Fugs, die einzige Beatnik-Rockband der USA, die in wechselnder Besetzung bis zum heutigen Tag existiert. Aus beiden wurden zwar keine genialen Musiker, dafür aber Musiker mit genialen Ideen, die immer wieder für eine Überraschung gut waren. Mal war es Allen Ginsberg, der mit seiner hohen Stimme auf dem Fugs-Album Tenderness Junction zu Sitarklängen das Mantra Hare Krishna sang, mal ein Liveauftritt während der legendären Anti-Vietnam Demo am 21. Oktober 1967, als den Demonstranten verboten wurde, einen geschlossenen Ring um das Pentagon thefugs2[1]zu bilden, weil sie damit gedroht hatten, es durch Beschwörungsformeln einen Meter in der Luft schweben zu lassen. Norman Mailer beschreibt in seinem Buch „Heere aus der Nacht„, für das er seinerzeit den Pulitzer-Preis erhielt, wie die Fugs mit einem improvisierten, augenzwinkernden Mantra Out Demons Out (Live-Mitschnitt ebenfalls auf der LP Tenderness Junction) die bösen Geister aus dem Pentagon austreiben wollten. Noch weit düsterer sollen laut Mailer die Beschwörungen gewesen sein, die der unter der Bühne hockende Satanist und Experimentalfilmer Kenneth Anger ausgestoßen habe. Ein vergleichsweise viel harmloserer Spaß ist dagegen der gregorianische Choral Marijuana vom Album It Crawled Into My Hand, Honest aus dem Jahre 1968, hier und da unterbrochen mit den von Tuli Kupferberg aufgezählten Namen, die die Hanfpflanze in anderen Kulturen trägt.

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