Geschichte

„Abstecher ins Traumland der Anarchie“ – Siedlungsgemeinschaften der deutschen Jugendbewegung

Vor über 30 Jahren habe ich diesen Beitrag in einem längst vergriffenen Sammelband der Beck’schen Schwarzen Reihe veröffentlicht:
Hans-Jürgen Goertz (Hg.): Alles gehört allen. Das Experiment Gütergemeinschaft vom 16. Jh. bis heute. München 1984
Da die Literatur zu diesem spannenden Thema aus den ersten Jahren nach dem 1. Weltkrieg nach wie vor sehr überschaubar ist, hier mal eine illustrierte „Neuauflage“:


 

Im Jahre 1919 veröffentlichte Die Tat, die Zeitschrift des jugendbe­wegten Verlegers Eugen Diederichs, „Das Grüne Manifest“ eines „Spartakus in Grün, an dem der rote sterben soll„. Darin hieß es:

Dieffenbach und Fidus
Maler und Lebensreformer Karl-Wilhelm Dieffenbach

„Die alte deutsche Stadt der alten deutschen Bürgermacht ist tot, tot, tot! … Was war denn uns, was war dem Städter Land? Erinnert Euch: Das schöne Land war uns ,Frischluftbehälter‘, das weite Land war und die ,nette Gegend‘ … Land war uns nicht Urtrieb, sondern Zeitvertrieb. Das Land war uns in Leib und Seele fremd … Aus dieser Mißachtung von Land heraus entstand erst das, was unser Dasein heute so unerträglich macht: … Das Konzentrations­lager alles blühenden Lebens, die Großstadt . .. Kommt ran, ihr starken Einzelgänger, ihr freiesten der Naturmenschen, ihr jüng­sten der Wandervögel und Freideutschen … Schafft neues Dasein … Hoch die neue Daseinsidee des Deutschen, die neue allgemeine Generalidee: Das Land!“

Viele dachten damals wie der Verfasser dieses Manifests, der Gartenarchitekt Leberecht Migge. Der Zusammenbruch des Kaiserreichs, Not und Massenelend als Folge des verlorenen Krieges wurden als Vorboten der bevorstehenden „Zeitenwende“ gedeu­tet. Weit verbreitet war der Glaube, der Kapitalismus habe abgewirtschaftet und läge in den letzten Zügen. Es galt, sich auf den Elendsstrom der Entwurzelten vorzubereiten, der sich nach dem erwarteten Zusammenbruch der Städte auf das Land ergießen würde. Migge selbst verkaufte sein Haus und zog mit seiner Frau auf einen Hof am Worpsweder Moor, um dort eine Siedlerschule zu eröffnen.Fidus

Im „Grünen Manifest“ spiegelten sich die Hoffnungen und Sehnsüchte einer ganzen Generation. Ein wahres Siedlungsfieber war unter den aus dem Weltkrieg heimgekehrten jungen Men­schen ausgebrochen. Wie verbreitet der Wunsch nach einem Ex­odus aus der bestehenden Gesellschaft war, verrät ein Blick in die Anzeigenspalten der damaligen Zeitschriften der Jugendbewe­gung; kaum eine, die nicht Siedlungsanzeigen oder Aufrufe für Siedlungswillige enthielt. In den ersten Nachkriegsjahren finden sich Hunderte von Kleinanzeigen stadtmüder Jugendlicher wie die folgenden: „Wandervogel, arbeitsfreudig, 23 Jahre alt, sucht Ar­beits- und Lebensgemeinschaft mit Gleichgesinnten„; oder: „Sied­lungsbeteiligung auf Vegetariersiedlung bzw. vorerst Unterkunft und Arbeit daselbst sucht älterer Wandervogel, der mit allen ländlichen Arbeiten vertraut ist“; oder: „Wandervogelmädchen (19 Jahre), in Landwirtschaft aufgewachsen und tätig gewesen, sucht tatfrohe Mitarbeit in Siedlung“; oder: „Wo kann junger Kaufmann, Wandervogel, das Siedeln lernen? Kenntnisse hab ich zwar keine, aber einen energischen Willen und starken Körper“; oder gar: „Leute im Lande! Wir warnen Euch hiermit, nach dem Siedlungsgut Silberburg bei Sternberg (Neumark) zu gehen. lhr werdet nicht das finden, was ihr erhofft“. Beispiele dieser Art ließen sich beliebig fortsetzen.

Die politisch-weltanschaulichen Richtungen der Siedlungsge­meinschaften reichten von anarchistischen Siedlungen bis hin zu völkischen „Zuchtfarmen“ des neuen germanischen Adels. Aber ganz gleich, ob die tragende Ideologie der Siedlungsprojekte kom­munistisch, anarchistisch, völkisch, täuferisch oder christlich war, sie alle einte der gleiche eschatologische Erneuerungswille, der Wunsch, dem Moloch Großstadt zu entfliehen, um auf eigener Scholle neue Kräfte zu schöpfen.

Ebenso wie auf anderen Gebieten macht die Jugendbewegung auch hier Anleihen bei einer bis ins 19.Jahrhundert zurückreichenden lebensreformerischen Tradition, die ihrer antiurbanen und antiindustriellen Grundhaltung entge­genkam. Erfunden hatte sie die Siedlung nicht, genausowenig wie die Reformkleidung, die Alkohol- und Nikotinfreiheit oder die Freikörperkultur. Entscheidend war vielmehr, dass der jugendbewegte Aktionismus hier als Verstärker wirkte, indem er eher randständige Phänomene massenwirksam machte.

Schon vor dem Ende des vorigen Jahrhunderts riefen die im Zuge der Industrialisierung und Verstädterung auftretenden sozia­len Mißstände Gegenbewegungen hervor. Landflucht und Über­völkerung der Städte, Wohnungselend und Alkoholismus in den Großstädten sowie zunehmende Umweltzerstörung kennzeichne­ten die Situation um die Jahrhundertwende. Gemeinsam war den mannigfaltigen Strömungen der Reformbewegung, daß sie die Auflösung gewachsener sozialer Bindungen und die damit verbun­dene Zerstörung tradierter Wertordnungen als Abkehr des Men­schen von seiner naturgemäßen Lebensweise diagnostizierten, die zwangsläufig zu einer körperlichen und geistigen Degeneration des modernen Zivilisationmenschen fuhren würde (Krabbe, 13 f.).

Unter der von Rousseau übernommenen Parole „Zurück zur Natur“ trafen sich die unterschiedlichsten Varianten der Lebensreformbewegung (Vegetarismus, Freikörperkultur, Naturheilkun­de) mit den „peripher lebensreformerischen Bestrebungen“ (Krabbe) der Gartenstadt, Antialkohol, Bodenreform und Sied­lungsbewegung. Allen gemeinsam war der Wunsch nach Rück­kehr zu einer naturgemäßen Lebensweise, die in Anlehnung an eine zeitgenössische Variante der konservativen Kulturkritik in der Großstadt das Musterbeispiel der Verfallsentwicklung erblickte. In der charakteristischen Verknüpfung von ,,Agrarromantik und Großstadtfeindlichkeit“ (Bergmann) mit lebensreformerischen Motiven vermischten sich politisch-romantische, mitunter ausge­sprochen reaktionäre, und lebensreformerische Züge. Nicht selten waren die Reformbestrebungen getragen von einem säkularen Chiliasmus und frühchristlich-gnostischem Erwähltheitsbewußtsein. Was sich in der Rückschau als eher harmlose Reform der Kleidungs, Nahrungs und Wohnungssitten ausnimmt, war in Wirklichkeit die Hoffnung auf die apokalyptische Wende, der Wunsch nach einer Selbsterlösung des Menschen.

So ist es nicht verwunderlich, daß wir die Vorbilder der jugend­bewegten Siedlungsgemeinschaften bereits im Kaiserreich finden. Unter dem Einfluß der Freiland-Freigeld-Freiwirtschafts-Theorie Silvio Gesells und mit Unterstützung des Genossenschaftstheoreti­kers Franz Oppenheimer war bereits 1893 die Obstbausiedlung Eden bei Oranienburg gegründet worden. Zunächst eine „An­sammlung pflastermüder Städter“, die ,,ihre Existenz auf den Obstbau stellen (wollten), von dem kaum einer von ihnen die geringste Ahnung hatte“ (Oppenheimer, 160), entwickelte sich Eden nach anfänglichen Rückschlägen zu einer blühenden Kolo­nie, die schon vor dem Ersten Weltkrieg eine Reihe von Nachah­mern gefunden hatte. Wichtige Impulse gingen auch vom Krefel­der ,,Dürerheim“ des „Baumeisters“ Karl Buschhüter, von der um 1900 gegründeten Vegetariersiedlung auf dem Monte Verita bei Ascona, vor allem aber von der zur selben Zeit aus dem Friedrichs­hagener Dichterkreis um die Gebrüder Hart entstandenen ,,Neuen Gemeinschaft“ in Berlin-Schlachtensee aus.

"Alternativer" der frühen 20er Jahre
Aussteiger der frühen 20er Jahre

Im Kreise der ,,Neuen Gemeinschaft“ hielt Gustav Landauer schon 1901 seinen program­matischen Vortrag: ,,Durch Absonderung zur Gemeinschaft“. Landauers Theorie der ,,Revolution des Geistes“, seine Forderung, zu ,,beginnen“, den Sozialismus im Hier und Jetzt, in Siedlungen und kleinen Gemeinden zu verwirklichen, machte ihn, obwohl sich in seinem Werk keineswegs alle Traditionsstränge vereinigten, zum maßgeblichen Theoretiker der postrevolutionä­ren Siedlungsbewegung in den frühen Jahren der Weimarer Repu­blik. Der Prophet des Do-it-now fand allerdings vor dem Ende des Weltkriegs selbst in anarchistischen Kreisen nur wenig Resonanz. Dies änderte sich erst, als die Siedlung für jugendliche Aussteiger attraktiv zu werden begann, paradoxerweise zu einer Zeit, als Lan­dauer selbst unter dem Eindruck der Novemberrevolution von derartigen ,,Resignations-Retiraden“ abriet.

 

Vom Wandervogel zur Landkommune

Im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts entstand, aus unab­hängigen Keimzellen, der ,,Wandervogel„. Zunächst an Wochen­enden, später dann auf längeren Fahrten, zog die künftige Elite des Bildungsbürgertums durch die Landschaften ihrer Umgebung.

Auf diese Weise entwickelte sich ein eigener Fahrtenstil; Burgrui­nen, Stadttürme oder verlassene Hütten wurden zu ,,Nestern“ ausgebaut. Bei aller Verschiedenheit waren sich die ab 1901 ent­standenen Organisationen der bürgerlichen Jugend in Städten und an vereinzelten Universitäten einig in der Antihaltung gegen die Starrheit der wilhelminischen Gesellschaft, gegen Bürger und Verbindungsmief. Sie wandten sich gegen die Erziehungsnormen einer Erwachsenenwelt, deren oberstes Leitbild der Soldatenkaiser war. Ausdruck dieses neuen Lebensstils war neben eigener Klei­dung das Gefühlserlebnis im wiederentdeckten Volkslied, vor al­lem aber die ,Fahrt‘, das Gemeinschaftserlebnis der Gruppe beim Wandern in der Natur.

Schäßburger Wanderlvogel (Süddeutschland 1910)
Wandervogel (Süddeutschland 1910)

Die zunächst noch überaus zahmen Ausbruchsversuche aus der wilhelminischen Plüschkultur täuschen leicht über die tiefe Wir­kung hinweg, die auf längere Sicht der Abstand von den gewohn­ten Lebensumständen, das schlichte Aufeinanderangewiesensein und das Zusammenleben unter radikal vereinfachten Lebensbedin­gungen auf die jugendlichen Gemüter ausübten. Als sich im Jahre 1913 die meisten der damals existierenden Jugendbünde auf dem Hohen Meißner zur „Freideutschen Jugend“ zusammenschlossen, gelobte man sich, ,,aus eigener Bestimmung, vor eigener Verant­wortung und mit innerer Wahrhaftigkeit“ sein Leben zu gestalten. Bei der Formulierung der ,,Meißnerformel“ hat die Forderung des radikalen Schulreformers Gustav Wyneken nach einer autonomen ,Jugendkultur“ Pate gestanden. Die Grenzen der ,,inneren Frei­heit“, für die sie ,,unter allen Umständen geschlossen eintreten“ wollten, wurden allerdings vor allem den Älteren unter den ju­gendlichen ,,Geistrevolutionären“ (Linse) sehr bald schmerzlich bewußt.

Titelblatt der Zeitschrift ,,Deutsche Volksstimme. Organ der Deut­schen Bodenreformer14 von Fidus (Hugo Höppener). ,,Der rechte Weg, der kapitalistische, stürzt nach wenigen Schritten in den Abgrund. Der linke, kommunistische, verliert sich im unwirtlichen, wolkenumlagerten Gebirge. Der mittlere, der Weg der Bodenreform, führt in ein weites fruchtbares, friedliches und sonniges Land, Palmen deuten eine Oase an“ (Frecot u. a., 15)

Im Stellungskrieg des Ersten Weltkriegs  ganze Wandervogel­scharen hatten sich zur ,,Rettung des Vaterlands“ freiwillig an die Front gemeldet  zerrann der Traum vom ,,Jugendreich“. Als die anfängliche Gefühlsaufwallung verebbt war, stellten sich bald Re­signation und Verzweiflung ein, denn statt der vom Geist der Gemeinschaft getragenen Kameradschaft, die man im Feld erwar­tet hatte, stießen die jugendlichen Freiwilligen auf die Ungebildet heit und Verrohung von Offizieren und Mannschaften (Laqueur, 103f.). „Und ein Grauen packte uns. Sind wir bMenschen?! Oder sind wir Tiere?! Nur die Pflicht hielt viele von uns bis zuletzt. — Konnte es das sein, wonach wir uns gesehnt, wovon wir geträumt hatten? Nein und abermals nein!“ schrieb 1919 der Altwandervo­gel Robert Oelbermann (Heineke, 22) und drückte damit die Ge­fühle der meisten seiner Altersgenossen aus. So sahen sich die Kriegsteilnehmer der Jugendbewegung brutal aus ihren Träumen gerissen. ,,Die unpolitische Bewußtseinsrevolution hatte sich vor der Wirklichkeit als zu schwach erwiesen“ (Linse, 1973, 44).

Noch während der letzten Kriegsjahre begann sich die Älterengeneration der Freideutschen, vom Fahrten und Gruppenleben nicht mehr ausgefüllt, zu politisieren und in verschiedene Richtun­gen zu spalten, wobei sich deutlich ein pazifistisch-linkssozialistischer von einem völkisch ausgerichteten, nationalsozialen Flügel abhob. Der dem linken Flügel angehörende Wyneken-Schüler Friedrich Bauermeister prägte 1915 das Schlagwort vom ,,Klassenkampf der Jugend“. Den Wunsch nach einer Separierung von der Erwachsenenwelt, der auch in den Plänen der radikalen Schul­reformer zum Ausdruck kam, radikalisierte Bauermeister durch die Forderung nach einer von ,,Geist und Liebe“ getragenen ,,frei­willigen Gemeinschaft“  und zeigt damit, wie viel er von Gustav Landauer gelernt hatte. ,,Es kommt nicht darauf an, die Gesell­schaft zu verneinen, sondern die Gemeinschaft zu bejahen. Es kommt darauf an, zu leben, nicht darauf, zu kämpfen. Die Gesell­schaft ändern werden wir ohne weiteres, wenn wir die Gemein­schaft leben“ (Bauermeister, nach Linse, 1973, 86). Damit mußte zwangsläufig die Siedlung als denkbare Alternative erscheinen.

Schon auf dem ,,Freideutschen Jugendtag“ 1913 war die Grün­dung einer Handwerkersiedlung ,,Junggau“ erörtert worden, und es hatte auch während des Weltkriegs nicht an Versuchen gefehlt, die Siedlungsdebatte innerhalb der Jugendbewegung anzu­fachen. Abordnungen der Freideutschen fanden sich als interessier­te Besucher in Eden oder anderen, nach dem Edener Vorbild ge­gründeten Siedlungen ein. Doch virulent wurde der Siedlungsge­danke erst durch die von Krieg, Revolution und Inflation ausgelö­ste umfassende Krisenstimmung. Die tiefe Sinnkrise, in die der verlorene Krieg und die politische Instabilität der Nachkriegsjahre weite Teile der jungen Generation gestürzt hatten, bot nicht nur einen idealen Nährboden fur eine Vielzahl von Heilslehren und religiös-sektiererischen Erweckungsbewegungen. ,,Je mehr von den bürgerlichen alten Wandervögeln aus dem Krieg zurückkamen  ohne Studium, ohne Beruf, teilweise kriegsbeschädigt (und da­her mit dem Anspruch auf eine Rente, die sie sich als Startkapital auszahlen lassen konnten), enttäuscht über das Versacken der Auf­bruchsstimmung vom August 1914, mit der ungebrochenen Absicht, die Deutscherneuerung nicht aus der Hand zu geben, sie vor allem nicht dem revolutionären Proletariat allein zu überlas­sen, desto drängender wurde der Siedlungswille“ (Linse, 1983, 90).

Die Siedlung, vor dem Ersten Weltkrieg als Steckenpferd einiger ,,Kohlrabi-Apostel“ und weltfremder ,,Schwärmer“ eher belä­chelt, wurde vielen zum Inbegriff ihrer Hoffnungen auf eine 194 grundlegende Erneuerung der Lebensverhältnisse. Nicht von un­gefähr, schien sich doch die ,,Revolution der Tat mit dem Spaten“ in hervorragender Weise dazu zu eignen, den Lebensformen der jugendbewegten Gemeinschaft Dauerhaftigkeit zu verleihen. Die Siedlung erlaubte es nicht nur, deren typische Strukturmerkmale beizubehalten: die örtliche Zusammengehörigkeit im gemein­schaftlichen Zusammenleben, die Überschaubarkeit der Mitglie­derzahl wie auch die Betonung von persönlich-emotionalen Bin­dungen, die Pflege von Gemeinschaftsritualen in Feier, Spiel und musisch-gymnastischen Aktivitäten entsprachen in vieler Hinsicht den Fahrtenerlebnissen. Nur zu gut ließen sich auch die Stilgesetze der Fahrt, ,,das Gebot der Einfachheit und Härte der Lebensfüh­rung“, der ,,betonte Hang zur ,Autarkie“ des Jugendlebens, die unmittelbare Nähe der Natur und die Flucht vor der Überzivilisa­tion“ (Seidelmann, 290) mit der Siedlungsidee verbinden.

Kommune-Leben nach 1900
Kommune nach 1900

Während eine Minderheit des linksbürgerlichen Flügels der Frei deutschen unter dem Eindruck der Revolutionsereignisse dazu auf­forderte, sich aktiv handelnd in die bestehenden Kampffronten einzuordnen, schlug die Mehrheit den von Tolstoj, Landauer und Gesell vorgezeichneten Weg ein, hic et nunc das ,,Jugendreich“ zu verwirklichen. Da nützte es wenig, wenn der vom Wyneken-An­hänger zum KPD-Mitglied konvertierte Alfred Kurella, während des Ersten Weltkriegs selbst noch eifriger Verfechter des Sied­lungsgedankens, ihnen vorwarf, sie seien ,,Pseudorevolutionäre“, bestrebt, sich ,, auf Krautäckern und Obstgärten … ein Stückchen ,wahren Kommunismus‘ zu erstehlen …“ (Kurella, nach Heineke, 27). Vielmehr traf der Student Hugo Hertwig, Gründer der kommunistischen Siedlung Lindenhof bei Kleve, die Stimmung unter den jungen Revolutionären der Tat: ,,Weder der Kampf mit der Waffe noch mit dem Maul wird zu praktischen Ergebnissen fuhren, daher wollen kommunistische Kreise durch Siedlungen … in jeder Provinz praktische Beispiele fiir den Wiederaufbau geben“ (Hertwig, nach Heineke, 51). Diese Sprache verstanden sie! Die Elite der bildungsbürgerlichen Jugend  und in ihrem Gefolge auch junge Männer und Frauen aus dem proletarischen Milieu  brach aus den von der Vätergeneration vorgezeichneten Laufbahnen aus.

Hunderte von zumeist sehr kurzlebigen ländlichen Siedlungskom­munen schossen in den wirren Nachkriegsjahren zwischen 1919 und 1923 aus dem Boden.

 

„Durch Absonderung zur Gemeinschaft“

Der Lebensreformer Gusto Gräser mit Frau und Kind
Der Lebensreformer Gusto Gräser mit Frau und Kind

„Sünde galt uns, Arbeit zu leisten, die dem Bestehenden half, sein faules Weiterrollen zu sichern“, formulierte der Blankenburger Siedlungsgründer Hans Koch (Koch, 283) und brachte damit zum Ausdruck, was viele seiner Altersgenossen dachten. Schon vor dem erwarteten Zusammenbruch des Industriekapitalismus sollte der ,,neue Mensch“ entstehen, sollte sich, ausgehend von kleinen Zellen befreiten Landes, die Umwälzung der gesamten Lebensbe­ziehungen vollziehen: Durch die Begründung von Arbeits- und Lebensgemeinschaften, die der durch Klassenkämpfe und , Partei­enhader‘ zerrissenen Gesellschaft die ‚Volksgemeinschaft‘ vorleb­ten; durch die ,,kommunistische“ Gütergemeinschaft, die dem Privateigentum an Grund und Boden und dem kapitalistischen Profitstreben entgegengesetzt wurde; durch die Aufhebung der Trennung von Arbeits- und Privatsphäre. Naturverbundenes Le­ben in ,,wahrer Menschlichkeit“ sollte die gemeinschaftsfremde Großstadtzivilisation ablösen, teilweise sollten „freie Liebe“ und ,,Mehrehe“ die traditionelle Familienstruktur ersetzen  m.a. W. man wollte die Utopie eines befreiten Lebens schon im Schoß der alten Gesellschaft realisieren, um dieser revolutionierende An­schauungsmodelle präsentieren zu können. In selbstgewählter Iso­lation würden aus dem Geist geborene Keimzellen des Neuen ent­stehen, um dann, wie Gustav Landauer prophezeit hatte, weit ins Land und ins Volk hinaus zu leuchten und als Beispiel des ersehn­ten Sozialismus oder der klassenübergreifenden Volksgemein­schaft zu wirken.

Gustav Landauer

Ganz im Geiste Landauers, der zwei Jahre zuvor von einer aufge­putschten Soldateska ermordet worden war, verkündete Hans Al­bert Foerster 1921 auf der Titelseite der Zeitschrift Junge Menschen sein ,,Manifest der Jugend“: „Wir wissen, daß wir ungeheure Schuld auf uns laden, wenn wir weiter warten im Chaos der Zeit, bis schließlich doch kommt, was sich jetzt .kommende Dinge‘ nennt: Die neue Wirtschaft, die neue Erziehung, die neue Gesellschaft. Wir reißen dieses Bild der kommenden Gesellschaft, was in uns wahr und groß lebt, heraus aus der Zukunft und stellen es in die Gegenwart: Wir beginnen! Wir werden nicht versuchen, das Alte zu reformieren. Neben dem vermorschenden Alten bauen wir das Neue. Dieses wird die Zersetzung des Alten bewirken … Wir bauen Bollwerke unseres Wollens. In Siedlungen, Werkgemeinden und Schulen, die unser unantastbarer Besitz, Ausdruck unseres Gei­stes, Versuche unseres Glaubens sind, werden Kämpfer heranwach­sen, die nicht angesteckt sind vom Geiste der bestehenden Einrich­tungen. Wenn wir siedeln oder Schulen errichten, so tun wir das nicht aus Weltflucht, sondern weil diese Voraussetzungen geistiger und wirtschaftlicher Art notwendig sind für den Kampf gegen das nichtmenschliche »System‘ … Opfert dem Kampf, was ihr an materiellen Gütern habt … Wir sind die Wenigen, die Stürmer gegen die Unterdrücker. Wir richten Beispiele auf für die Majorität der Geknechteten“ (Junge Menschen, 37). Und wenn man auch auf völkischer Seite nicht gewillt war, sich von Theoretikern zweifel­hafter rassischer Herkunft beeinflussen zu lassen, so war doch auch hier der Wunsch nach einer grundlegenden Erneuerung ebenso echt, wie ein im gleichen Ton abgefaßter Aufruf der württem­bergischen ,,Christrevolutionäre“ verrät: „Wir Beginner halten einen völligen Bruch mit dem alten ,Leben‘ unbedingt für notwendig, um die Möglichkeit wirklicher Lebens und MenschheitsErneuerung zu schaffen. Wir fordern daher als erste Stufe das Beginnen einer neuen, gottgewollten Lebensführung in Gottsucher und Siedlerar­beit, weil wir alle der Genesung bedürfen und nur Reines und Gesundes von uns ausgehen darf.. .“ (Linse, 1984, 16).

Die geistigen Wegbereiter der völkischen Erneuerungsbestre­bungen waren nicht Landauer, Tolstoj oder Kropotkin; für die Wiedergeburt aus dem Geiste germanischer Religionen holten die Völkischen sich ihre Anregungen bei Fichte, Arndt, Lagarde, Langbehn oder bei dem heute längst vergessenen Erfinder der (po­lygamen) ,,Mitgart-Ehe“ Willibald Hentschel.

 

Panorama der Siedlungsgründungen

In der gebotenen Kürze ist es kaum möglich, das ganze Spektrum der jugendbewegten Siedlungsgemeinschaften auch nur annähernd zu würdigen. Die weltanschaulichen Begründungen reichten von anarcho-syndikalistischen,  narcho-kommunistischen (Blanken­burg, Barkenhoff), christlich-sozialistischen (Habertshof) und anarcho-christlichen (Bruderhöfe) bis zu völkisch-christlichen Sied­lungen (Donnershag, Vogelhof). Diese Kennzeichnungen bringen bereits zum Ausdruck, daß sich in den Weltanschauungen der Siedler häufig disparate Zielsetzungen miteinander vereinigten. So finden wir etwa bei der „Hellauf-Siedlung“ Vogelhof, einem Zen­trum völkischer Siedlungsbestrebungen in der Weimarer Repu­blik, lebensreformerische Intentionen (Vegetarismus, Nacktkul­tur, Körperkultur) und cinc obskure Germanentümelei in Verbin­dung mit einem genossenschaftlichen Sozialismus auf der Grund­lage der Gesellschen Freilandlehre. Der von dem Maler Heinrich Vogeler gegründete Barkenhoff bei Bremen zielte demgegenüber auf einen quäkerischen Pazifismus ab, wobei es Vogeler fertig­brachte, sein kommunistisch-klassenkämpferisches Selbst Ver­ständnis mit einem anarchistischen Mutualismus auf der Basis ei­nes urchristlichen Gemeinschaftsethos zu verknüpfen.

Fidus - Die Revolution mit dem Spaten
Fidus – Die Revolution mit dem Spaten

Ulrich Linse schildert sehr anschaulich, in welchem Ausmaß sich die weltanschaulichen Extreme berührten. So konnte es ge­schehen, ,,daß die Vogelhofer auf ihrem Weg nach Stuttgart  fünf Stunden mit dem Fahrrad  auf halber Strecke in der Siedlung des Zinngießers Karl Raichle bei Urach am Fuß der Schwäbischen Alb Station zu machen pflegten, nachdem sie Raichle bereits beim Auf­bau seiner Gründung ,Am grünen Weg‘ geholfen hatten. Raichle selbst bekannte sich zum Kommunismus. Zu seinen Freunden oder Mitsiedlern gehörte der damals anarchistische Pamphletier Theodor Plivier ebenso wie die kommunistischen Schriftsteller Karl Bittel und Johannes R. Becher“ (Linse, Stuttgart 1983, 237). Da verwundert es auch nicht, wenn der Anarcho-Kommunist Vogeler 1921 als Hauptredner auf einer Siedlertagung der (völki­schen) „Christrevolutionäre“ Württembergs auftritt oder Mitglie­der der kommunistischen Landsassen-Werkgemeinschaft Hans Al­bert Foersters zusammen mit Anarchisten, Freideutschen und Ver­tretern eines rassistischen Germanenkults (Freiland-Siedlung Don­nershag) an einem von der protestantisch-sozialistischen Siedlung Habertshof organisierten Siedlertreffen teilnehmen. Ob das Ziel völkische Wiedergeburt „auf der Grundlage arischer Rasse“ (Donnershag) oder die „Schaffung kommunistischer Aufbauzellen einer klassenlosen Gesellschaft“ (Barkenhoff) war  sie alle einte dieselbe antikapitalistische Sehnsucht nach „Nestwärme in erkalteter Ge­sellschaft“ (Kaltenbrunner), eine oft nur gefühlsmäßige Ableh­nung des industriellen Fortschritts, das Streben nach „echter menschlicher Gemeinschaftsbildung“ und eine politische Religio­sität, die fast durchweg missionarische, menschheitserweckende Züge trug.

Die zwischen revolutionären und reaktionären Zielsetzungen os­zillierende aktivistische Subkultur der Siedlungsgemeinschaften pflegte lebhafte persönliche und briefliche Kontakte untereinander. Trotz vielfältiger Bemühungen gelang es jedoch nicht, die auf dem freisozialistischen Siedlertag 1921 erhobene Forderung „Sied­lungssozialisten aller Gaue, vereinigt Euch“, in die Tat umzuset­zen. Zu den interessantesten Einigungsversuchen zählte der im Oktober 1921 von dem Verfasser des „Manifests der Jugend“, Hans Albert Foerster, und einigen Freideutschen gegründete „Bund zur Förderung von Werkgemeinden“, der sich nicht nur die Vernetzung der verschiedenen Siedlungsunternehmen, Werk­gemeinschaften und Reformschulen zur Aufgabe machen wollte, sondern auch durch materielle und organisatorische Hilfeleistun­gen die gezielte Förderung neuer Projekte betreiben sollte. Der in der Zeitschrift Junge Menschen vorgestellte Plan des Bundes weist eine frappierende Ähnlichkeit mit der vor einigen Jahren aus der bundesdeutschen Alternativszene hervorgegangenen Selbsthilfeor­ganisation ,,Netzwerk“ auf. Doch Foerster war ein Mann des Wortes und kein guter Organisator, und so blieb auch dieser hoff­nungsvolle Ansatz Programm und ebenso erfolglos wie eine von einer völkischen Siedlungsgenossenschaft ins Werk gesetzte ,,Sparkasse der Jugendbewegung“, die es nach einjährigem Beste­hen gerade auf elf Einleger gebracht hatte. Die Siedlungsbewe­gung war ein typisches Produkt der revolutionären Gärung in den ersten Jahren der ,,ungeliebten“ Republik. Spätestens nach der Währungsreform, als unter der Sonne der geborgten Prosperität die ,,goldenen Zwanziger Jahre“ begannen, verebbte die Sied­lungswelle.

 

Gründe des Scheiterns

Karl-Friedrich Dieffenbach und Familie
Karl-Wilhelm Duieffenbach und Familie

Das Scheitern der meisten Unternehmungen ist nicht einmal aus­schließlich auf das Unvermögen der Siedlungswilligen zurückzu­fuhren. Zu mannigfaltig waren die Probleme, mit denen die jun­gen und unerfahrenen Aussteiger zu kämpfen hatten. Dabei waren nur wenige so unbedarft wie das Häuflein junger Anarchisten der Siedlung .Freie Erde‘, die kurzerhand ein Stück Land in den Hilde­ner ,Bauden‘ bei Düsseldorf besetzten und eine Tafel aufstellten: ,,Im Geiste Gustav Landauers besiedelten wir am 6. Juni 1921 die­ses Brachland …“ (Fuchs, 99). Doch auch die meisten anderen Siedlungsprojekte waren weniger einer bewußten Überlegung als dem mit den verschiedensten ideologischen Versatzstücken ge­rechtfertigten Versuch entsprungen, den Lebensformen der Wan­dergruppen aus der Vorkriegszeit Kontinuität zu verleihen. Der Enthusiasmus der Anfangszeit konnte sicherlich über manche bit­tere Erfahrung hinweghelfen, doch auf die Dauer überstieg der ,,Abstecher ins Traumland der Anarchie“ (P. Ramus) die Kräfte der meisten Siedler.

Wenn es auch zunächst nur in den seltensten Fällen eine feste Rechtsform gab, so organisierten sich auf längere Sicht viele Sied­lungsprojekte in Form von Genossenschaften, boten diese doch die Chance, zur Behebung des chronischen Geldmangels beizutragen, da ja nicht unbedingt jeder Genossenschaftler auch siedeln mußte. Nur die wenigsten Siedler brachten genügend Startkapital mit oder konnten sich, wie ausgerechnet die kommunistischen Siedlungen Blankenburg und Barkenhoff, zahlungskräftiger Mäzene erfreuen. Die meisten Siedlungsgemeinschaften mußten vom er­sten Tag an um ihr Überleben kämpfen. Hunger und bitterste Armut konnten eine Zeitlang die Gemeinschaft zu einem trotzigen „Jetzt erst recht“ zusammenschweißen; eine tragfähige Grundlage für ein dauerhaftes Zusammenleben boten sie jedoch nicht.

Fidus -Lichtgebet
Fidus -Lichtgebet

Gerade unter solchen erschwerten Bedingungen mußten sich die mangelnden Kenntnisse und Fertigkeiten der jungen Stadtmenschen empfindlich bemerkbar machen. Landwirtschaftliche Sied­lungen ohne ausgebildete Landwirte, Obst und Gartenbauunter­nehmungen ohne erfahrene Gärtner waren nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Überhaupt wurden nur in den seltensten Fällen die neuen Mitglieder nach ihrer fachlichen Qualifikation ausge­wählt. Selbst wo dies, wie beispielsweise auf dem Barkenhoff, in den eigenen Statuten festgelegt worden war, hielt man sich in der Praxis zumeist nicht daran. Ausschlaggebend war die richtige Ge­sinnung, und man hoffte im übrigen darauf, daß der Betreffende die fehlenden Kenntnisse im Laufe seiner Tätigkeit schon erwerben würde. In seinen Erinnerungen schreibt Max SchulzeSölde über die kommunistische Siedlung Lindenhof: „Die ganze Unmöglich­keit und verstiegene Weltfremdheit unseres Unternehmens kam mir besonders deutlich zu Bewußtsein, als es sich nun darum han­delte, für unsere Schmiede die nötigen Arbeiter zu finden … Auf viele Bitten schickte uns schließlich Heinrich Vogeler einen OriginalProletarier von seinem Barkenhoffe. Dieser behauptete, er sei Anarchist … Wir waren nicht wenig erstaunt, als unser Anarchist zum Arbeiten nicht die geringste Lust zeigte, sondern den ganzen Tag, die Hände lässig in die Hosentaschen vergraben, spazieren ­ging und unser ohnehin reichlich belastetes Konto beim Kolonial­warenhändler durch einen erheblichen Zigarettenverbrauch ver­größern half.“ (Linse, München 1983, 146.)

Ackerbau im "Lichtkleid"
Ackerbau im „Lichtkleid“

Aber auch auf der Rechten finden sich Beispiele, wie stark An­spruch und Wirklichkeit auseinanderklafften. So berichtet die ge­lernte Gärtnerin Hertha Daecke aus ihrer Zeit auf der völkischen FreilandSiedlung Donnershag: „Nun sollten die verschiedenen Käuze, die noch nie praktische Arbeit gemacht und einen Spaten oder eine Hacke in der Hand gehabt hatten, mir auf dem Feld beim Gemüsebau helfen. Die meiste Zeit standen sie da, stützten sich auf ihr Arbeitsgerät und wälzten Probleme … Sie hielten viel vom Fasten, vor allem unser ,Heiliger Franz‘ (der spätere Professor für Wirtschaftsstatistik, Paul Flaskämper) im Mönchsgewand. Er war nur noch Haut und Knochen und alles schlotterte nur noch so an ihm herum … Er konnte vor Schwäche kaum den Spaten halten.“ Wir wollen nun freilich diese Anekdo­ten nicht überbewerten. Nur selten war es mangelnder Arbeitsei­fer, an dem ein hoffnungsvoll begonnenes Projekt scheiterte. Weit gravierender war der Standort der Siedlung. So lesen wir in einer Werbeschrift der an die Siedlung Vogelhof angegliederten „Hell­aufschule Sonnenheim“: „Weite Fernsicht, kühne Felsen und wil­de Schluchten, ausgedehnte Wälder und einsame Wacholderheiden und ein oft heftig stürmender Höhenwind“  eine Beschreibung, die nicht eben auf eine wirtschaftlich sehr vorteilhafte Lage schließen läßt. Sicherlich mag manchmal jugendbewegte Naturroman­tik und mangelnder Sachverstand bei der Wahl der Niederlassung mitgespielt haben, doch in der Regel dürfen handfeste ökonomi­sche Gründe den Ausschlag gegeben haben. Geldmangel zwang die Siedlungswilligen zur Pacht oder zum Erwerb von kleinen und vor allem billigen, das heißt minderwertigen Grundstücken bzw. von abgelegenen oder heruntergewirtschafteten Höfen. Außerdem fehlten zumeist die elementaren technischen Voraussetzungen für einen intensiven Ackerbau. Daher wichen viele Siedlungsgemein­schaften von vornherein auf Obst und Gartenbau aus, der weni­ger Land und Maschinen benötigte und überdies den in harter Arbeit ungeübten Stadtmenschen nicht soviel abverlangte; und selbst dann konnte es mehrere Jahre dauern, bevor die Produktion wenigstens den Eigenbedarf der Siedler deckte, wenn es überhaupt je dazu kam. Die oft bittere Armut schildert Emil Blum vom Habertshof: ,,Wir erhielten für jede Person täglich 15 Gramm Fett und Öl. Wir lernten Brennesseln als ein recht gutes Gemüse und Runkelrüben mit Kartoffeln als Delikatesse schätzen. In den ersten Monaten meines Aufenthalts auf Habertshof habe ich manchmal heimlich rohe Haferflocken meines leise nagenden Hungers wegen gemaust … wir litten alle an Unterernährung“ (Blum, 113). Un­ter solchen Bedingungen wurde selbst die Anschaffung neuer Klei­dung manchmal zum ,,Siedlungsproblem“.

Hellauf-Siedlung "Vogelhof"
Hellauf-Siedlung „Vogelhof“

Auf längere Sicht waren nur wenige den kargen Lebensumstän­den gewachsen. ,,Wir mußten erkennen“, schrieb 1921 Friedrich Schöll, einer der Mitbegründer der Siedlung Vogelhof, ,,daß Landarbeit von Tagesgrauen bis zur sinkenden Nacht einen Kör­per braucht von Stahl und Eisen … Da reichten die Kräfte trotz allem guten Willen meist nicht aus, und bis auf wenige Ausnah­men zerbrachen an dem, das notwendig war, die Menschen …“ (Linse, München 1983, 209). Ihr Durchhaltevermögen wurde noch zusätzlich durch die Isolation der jugendbewegten Siedlungsgemeinschaften geschwächt. Nur selten gelang es, die Reserviertheit der alteingesessenen Bevölkerung zu überwinden. Die Bauern der Umgebung, die von den Fähigkeiten der neuen Siedler ohnehin keine hohe Meinung hatten, blieben auf Distanz. Beliebt waren die Neulinge schon wegen ihres ungewohnten Lebensstils nicht. Dazu war es nicht einmal nötig, wie die Bewohner der Siedlung Linden­hof bei Kleve ihre Stallungen mit expressionistischen Gemälden zu verzieren  es reichte aus, in zünftiger kurzer Hose auf dem Acker zu arbeiten, um gleich für einen ,,Wilden“ (Blum) gehalten zu werden. Besonderen Unmut zogen sich die Anhänger der Nackt­kultur zu, wenn sie im ,,Lichtkleid“ ihre Felder bestellten. Und was die Landbevölkerung von der Bodenreform hielt, mußten sehr zu ihrem Leidwesen auch die völkischen Siedler sehr bald erkennen. Noch einmal Hertha Daecke: ,,Alle schauten uns so unmißverständlich nach  die Fenster gingen überall auf und man rief uns ,Freiland, Freigeld‘ hinterher, und dann gingen die Fenster wieder zu.“ In feindseliger Umwelt wurde der tägliche Kampf ums Überleben zum „Spießrutenlauf“: „Wenn Holz fehlte, zogen der Loki und ich in den Wald und sammelten ,ohne Erlaubnis‘. Da stand eines Tages der Förster vor uns und sagte: ,Freiland, Frei­geld, Freiholz!‘ und schrieb uns mit unserem kleinen Bündel Holz auf.“

In beinahe rührender Hilflosigkeit begegnet uns dieses Problem bei einem Mitglied der reformpädagogisch initiierten Siedlung Wendehof: ,,Die Menschen müssen doch einmal spüren, wie heiß wir sie lieb haben.“ Sie spürten es nicht. Von einer feindlichen Natur und einer mißtrauischen Umwelt auf sich selbst gestellt, erwiesen sich die aus den Anhängern der verschiedensten weltan­schaulichen Richtungen zusammengewürfelten Siedlungsgemeinschaften als äußerst explosives Gemisch. Äußerer Druck und wachsende innere Spannungen waren denkbar ungünstige Bedin­gungen fiir die Entstehung des ,,neuen Menschen“ und die Schaf­fung von Keimzellen einer freien Gesellschaft. Die Träger eines neuen ,,Kulturwillens“ fanden nicht wie Sinclair in Demians Haus ,,die Achtung, die ein jeder dem geheimen Lebenstraum des ande­ren gönnte“. Statt dessen klagte Friedrich Schöll: „Freunde, die bisher aufeinander gebaut hatten, verstanden einander auf einmal nicht mehr“ (Linse, München 1983, 210). Aus zahlreichen Berich­ten wissen wir, wie weit die Alltagswirklichkeit vom hehren An­spruch eines „Liebeskommunismus“ entfernt war. Geschlechtsspezifische Rollenverteilungen und hierarchische Strukturen setz­ten der proklamierten Gleichheit und gegenseitigen Hilfe enge Grenzen. Hinzu kam die Unfähigkeit in der Bewältigung von Alltagskonflikten. Angesichts einer heute kaum noch vorstellbaren Sprachlosigkeit bei der Lösung zwischenmenschlicher Probleme wurden selbst kleine Eifersüchteleien und Alltagsstreitigkeiten zu schweren und nicht selten unüberwindbaren sachlichen Differen­zen hochstilisiert, an denen so manche Gemeinschaft zerbrach.

Um längerfristig überleben zu können, mußten sich die meisten Siedlungen andere Erwerbsquellen angliedern: hand und kunsthandwerkliche Betriebe, deren Erzeugnisse sich über städtische Vertriebsnetze (Dürerhäuser) absetzen ließen; Kinder und Lander­ziehungsheime oder Heimvolkshochschulen, die den pädagogi­schen Ambitionen der jugendbewegten Siedler entgegenkamen  man wollte ja erzieherisch nach außen wirken , aber auch private Gelder und staatliche Zuwendungen einbrachten. Den gleichen Zweck erfüllten Verlage und Druckereien. Als entgegen allen Er­wartungen die apokalyptische Wende durch den selbst von kom­munistischen Theoretikern vorausgesagten Zusammenbruch des Industriekapitalismus ausblieb, waren es gerade diese angeglieder­ten Wirtschaftsbereiche, die die Existenzsicherung gewährleiste­ten. Mehr und mehr geriet der Ackerbau so zur Nebenerwerbswirtschaft, die oft nur aus pädagogischen Gründen nicht aufgege­ben wurde (Fleiner, 147).

Trotz aller Bemühungen scheiterten die meisten Versuche, durch die Umstellung auf andere Erwerbszweige die Gemeinschaft zu retten. In den wenigen Fällen, in denen es gelang, die „Notzeit“ zu überstehen, war dies in erster Linie der Integrationsfähigkeit der jeweiligen Führerpersönlichkeiten, einer großen ideellen Geschlos­senheit der Gruppe und einer gewissen ökonomischen Sicherheit zu verdanken. Nur diejenigen Unternehmungen, denen es gelang, eine klare pädagogische und wirtschaftliche Zielsetzung zu ent­wickeln, haben die Krisenzeiten überleben können. Mit der Um­strukturierung der Siedlungen zu Landheimen, Heimvolkshoch­schulen (Habertshof) oder Gymnastikschulen (Schwarzerden) ging der stufenweise Abbau der ursprünglichen „kommunistischen“ Gütergemeinschaft einher, wenn auch weithin der Genossen­schaftsgedanke lebendig blieb. Der frischfröhliche Dilettantismus der Anfangszeit wich einer zunehmenden qualifikationsspezifi­schen Spezialisierung, Rentabilitätsgesichtspunkte verdrängten die Orientierung an einer möglichst weitgehenden Autarkie der Sied­lung; die Gütergemeinschaft wurde in zunehmendem Maße durch leistungsgerechte Entlohnung abgelöst.

Eine Ausnahme bildeten lediglich die Bruderhöfe, die ab 1922 aus einer Spaltung der religiös-sozialistischen ,,Neuwerk“-Bewegung entstanden waren. Getragen von einer tiefen, urchristlich verstandenen Religiosität, die das Programm der Bergpredigt mit einer kommunistischen Gütergemeinschaft und radikalpazifisti­scher Staatsablehnung vereinte, blieb die Bruderhofgemeinde un­ter ihrem charismatischen spiritus rector Eberhard Arnold ihren Idealen treu, bis sie von den Nationalsozialisten 1936 aus Deutsch­land vertrieben wurde. Bereits 1930 hatten sich die Anhänger Ar­nolds den Hutterischen Brüdern in Nordamerika angeschlossen und sich damit nachträglich in eine jahrhundertealte Tradition ein­gegliedert. Nachdem die Mitglieder der Gemeinschaften zunächst nach Liechtenstein, später nach England umgesiedelt waren, ent­schloß sich die mittlerweile auf 350 Personen angewachsene Ge­meinde  da ihnen nach Kriegsbeginn in England die Internierung drohte , 1940 nach Paraguay auszuwandern, wo sie noch heute in völliger Gütergemeinschaft lebt. Während nach 1945 weitere Neu­gründungen in England, Brasilien und in den USA erfolgten, war einer in den fünfziger Jahren geplanten Rückkehr nach Deutsch­land kein Erfolg beschieden.

Im Ganzen gesehen, blieben die jugendbewegten Siedlungsge­meinschaften eine Episode in der neueren deutschen Geschichte. Die Revolution der Dilettanten blieb ohne nennenswerte Auswir­kung auf die Gesellschaft, der sie ihre gelebte Utopie entgegenset­zen wollten. Mit dem Wandel des politischen Lebens zu einer  wenn auch trügerischen  Normalität kehrten die meisten Sied­lungsenthusiasten wieder in eine bürgerliche Existenz zurück. Als im Zuge wachsender Arbeitslosigkeit und der Krisenjahre der späteren Weimarer Zeit die Siedlungsbewegung noch einmal aufflackerte, wenn auch unter anderen Bedingungen und unter gänz­lich anderen Zielsetzungen, erreichte sie bei weitem nicht den re­volutionären Elan der Anfangsjahre der Republik. Das Erbe der jugendbewegten Kommunen lebt am ehesten in den israelischen Kibbuzim weiter, sind doch hier nicht nur in der theoretischen Grundlegung die gemeinsamen Wurzeln unverkennbar. Diese wie jene sind geprägt vom Pathos einer politischen Religiosität, aller­dings besteht ein entscheidender Unterschied zwischen der frühen Siedlungs- und der Kibbuzbewegung, die zweifellos aus Deutsch­land entscheidende Impulse bekommen hat, in der Zielgerichtet­heit der Kibbuzgründungen: einer in der religiösen Tradition ver­wurzelten Heimkehr nach Erez Israel, der alle Anstrengungen gal­ten, hatten die Alternativen der zwanziger Jahre nichts Vergleich­bares entgegenzusetzen. Und so trifft sie die in einem anderen Zusammenhang geäußerte Einschätzung Martin Bubers, der zu den geistigen Vätern der Kibbuzbewegung zählt: ,,Ihr Schicksal ist ihrem Willen entgegen: Sic wollten sich zunächst nicht isolieren, aber sie haben sich isoliert, sie wollten wirkende Vorbilder wer­den, aber sie wurden nur interessante Experimente, sie wollten mit Dynamit geladene Anfänge der gesellschaftlichen Umwandlung sein, aber jede hatte ihr Ende in sich selber“ (Buber, 123).

 

Literaturverzeichnis

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Wolfgang Krabbe, Gesellschaftsveränderung durch Lebensreform. Göttin­gen 1974.

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Karl Seidelmann, Bund und Gruppe als Lebensformen deutscher Jugend. Bad Godesberg 1962.

Antje Vollmer, Die Neuwerkbewegung 1919—1935. Ein Beitrag zur Ge­schichte der Jugendbewegung, des Religiösen Sozialismus und der Ar­beiterbildung. Diss. Berlin 1973.

Stefan Wehowsky, Religiöse Interpretation politischer Erfahrung. Eber­hard Arnold und die Neuwerkbewegung als Exponenten des religiösen Sozialismus zur Zeit der Weimarer Republik. Göttingen 1982.

 

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