Theologie

Der Fuchs und die süßen Trauben des Paradieses

jungfrauen[1]Im folgenden Beitrag der Süddeutschen Zeitung vom Februar 2004 fasst der Islamwissenschaftler Christoph Luxenberg (Pseudonym) die zentralen Aussagen seines Buches „Die Syro-Aramäische Lesart des Korans“ zusammen – und die haben es in sich! Denn viele dunkle Stellen, die in über 1000 Jahren Arbeit am heiligen Text selbst für arabi­sche native spea­kers rätsel­haft bleiben, kann Luxen­berg erhellen. Der Clou seiner Arbeit: Der Text des Korans zeigt sich in unge­ahntem Maße von syrisch-christ­li­chen Elementen durch­webt. In manchen Internet-Foren versucht man Luxen­berg mit dem Vorwurf zu erle­digen, er wolle den Muslimen das Heiligste nehmen. Das ist ein durch­sich­tiges Manöver. Unter­schlagen wird dabei, dass Luxen­bergs Werk nicht nur eine Pointe für die Muslime, sondern auch für die Christen hat. Auch sie werden gezwungen, im vermeint­lich anderen das Fort­leben der eigenen Tradi­tion zu erkennen – und zwar „ohne das übliche Kultur­dialog-Gequat­sche, nur mit den Mitteln der Philo­logie.“ (DIE ZEIT)

Wieviel Philologie verträgt der rechte muslimische Glaube?

Ein Gespräch mit dem Islamwissenschaftler und Koranübersetzer Christoph Luxenberg

In vielen arabischen Ländern müssen liberale Interpreten des Korans um ihr Leben fürchten. Faruq Foda, ein ägyptischer Gelehrter, wurde auf offener Straße erschossen, und Professor Suliman Basheer wurde von seinen Studenten an der Universität Nablus aus dem Fenster geworfen. Gerechtfertigt werden diese Taten mit dem Vorwurf der Verunglimpfung des Korans, der Infragestellung des unantastbaren Wortes Gottes. Nun hat Christoph Luxenberg, ein deutscher Spezialist für Semitische und Arabische Sprachen, den Koran unter Berücksichtigung sprachhistorischer Aspekte neu übersetzt. Er hat im Koran zahlreiche und wesentliche „Fehldeutungen und Fehllesungen“ entdeckt. Von seinem Buch, „Die Syro-Aramäische Leseart des Korans“, erschien 2011 bereits die vierte, erweiterte und überarbeitete Fassung. In Internet-Foren beklagen viele Muslime, dass Luxenberg ihnen das „Heiligste“ ihres Glaubens nehmen wolle. In akademischen Kreisen hingegen wurde Christoph Luxenbergs „Lesart des Korans“ interessiert aufgenommen.

SZ: Der Koran, das heilige Buch des Islams, ist knapp 1400 Jahre alt und zählt zum Kulturerbe der Menschheit. Er wurde in unzählige Sprachen übersetzt, auch im Deutschen gibt es verschiedene Versionen. schon Goethe las in einer Übersetzung. Warum braucht man heute eine neue „Lesart“ des Korans?

Luxenberg: Weil das Rätselraten um ein plausibles Verständnis der Koransprache so alt ist wie der Koran selbst. Auch die frühesten arabischen Korankommentatoren mussten häufig ihre Ratlosigkeit eingestehen.

SZ: Wieso Ratlosigkeit? In der arabischen Welt gilt der Koran doch als das Buch der absoluten Weisheit.

Luxenberg: Im Koran gibt es zahlreiche „dunkle Stellen“, die sich auch die frühen arabischen Korankommentatoren nicht erklären konnten. Von diesen Passagen hieß es, Gott allein würde sie verstehen. Für die westliche Koranforschung, die erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts richtig einsetzte, bildeten die arabischen Korankommentare die Grundlage. Über einzelne etymologisch erklärte Fremdwörter im Koran ist aber auch sie nicht hinausgekommen.

SZ: Sie behaupten nun, diese sogenannten „dunkeln Stellen“, die bisher niemand verstehen konnte, richtig übersetzen und interpretieren zu können. Was haben Sie anders gemacht als ihre zahlreichen Vorgänger?

Luxenberg: Mir kam die Idee, dass die Koransprache sprachhistorisch zu betrachten sei. Da Arabisch vor dem Koran noch keine Schriftsprache war, lag es nahe, dass das Aramäische, das bis dahin als Schriftsprache gedient hatte und die Lingua franca im westasiatischen Raum gewesen war (4. bis 7. Jh. n. Chr.), im besonderen Masse zu berücksichtigen sei. Ich habe deshalb vor etwa zehn Jahren angefangen, den Koran unter diesem speziellen Gesichtspunkt zu lesen.

SZ: Wie soll man sich dieses „Lesen“ vorstellen?

Luxenberg: Ich habe den Koran erstmals „synchron“ gelesen, d. h. unter gleichzeitiger Berücksichtigung der aramäischen und arabischen Sprache. Dabei habe ich herausgefunden, dass das Aramäische in bisher ungeahntem Masse die Grundlage der Koransprache bildet, und dass vieles von dem, was man heute für „Klassisch-Arabisch“ hält, dem Aramäischen entlehnt ist.

SZ: Was ist dann mit der bisher gültigen Annahme, der Koran sei das erste in arabischer Sprache verfasste Buch?

Luxenberg: Der Koran ist nach islamischer Tradition im 7. Jahrhundert entstanden, während die eigentliche arabische Literatur frühestens mit der „Biografie des Propheten“ Mohammeds von Ibn Hischam (gest. 828) einsetzte. Wir dürfen deshalb annehmen, dass die nachkoranische, arabische Literatur erst nach al-Khalil b. Ahmad (gest. 786), dem Begründer der arabischen Lexikographie (kitab al-ayn), und nach Sibawayh (gest. 796), dem Begründer der klassisch-arabischen Grammatik, sukzessive entstanden ist. Nehmen wir das Todesjahr des Propheten Mohammeds (632) als Abschluss des Korans an, dann ergibt sich eine Lücke von rund 150 Jahren ohne nennenswerte arabische Literatur.

SZ: Sie wollen damit sagen, dass es zur Zeit des Propheten Mohammeds das Arabische als normierte Schriftsprache noch nicht gegeben hat. Wer soll dann, 150 Jahre vor der Kodifizierung der arabischen Sprache, in der Lage gewesen sein, den Koran zu verfassen?

Luxenberg: Sehen Sie, zu dieser Zeit gab es noch keine arabischen Schulen, es sei denn in den christlichen Zentren von al-Anbar und al-Hira in Südmesopotamien, dem heutigen Irak. Diese Araber waren aber von den christlichen Syrern, deren liturgische Sprache das Syro-Aramäische war und ist, christianisiert und gebildet worden. Syro-Aramäisch war deren Bildungs- und Schriftsprache.

SZ: Und welchen Bezug hat Ihrer Meinung nach diese „Bildungs- und Schriftsprache“ zur Entstehung des Korans?

Luxenberg: Die christlichen Syrer trugen seit dem 3. Jahrhundert ihre christliche Mission nicht nur in Nachbarländern, wie Armenien und Persien. Sie brachten sie auch in so ferne Gegenden wie an die Grenzen Chinas, an die Westküste Indiens, wo heute noch die sogenannten „Thomas-Christen“ die syrische Liturgie haben, und ferner auch über die arabische Halbinsel, in den Jemen und von dort aus bis nach Äthiopien. Man kann sich gut vorstellen, dass sie sich mitunter der Beduinensprache bedienten, um den Arabern ihre christliche Botschaft zu verkünden. Diese Botschaft konnte nur eine Mischsprache sein. Zu einer Zeit, da das Arabische aus einzelnen unterschiedlichen Dialekten bestand und über keine normierte Schriftsprache verfügte, mussten die Missionare aus ihrer syro-aramäischen Kult- und Kultursprache schöpfen. So ist die Koransprache als arabische, oder vielmehr als aramäisch-arabische Schriftsprache entstanden.

SZ: Für die Koranforschung bedeutet das, wer bei seiner Arbeit das Syro-Aramäisch nicht berücksichtigt, kann keine richtige Übersetzung und Interpretation des Korans vollbringen?

Luxenberg: Ja, der Koranforscher muss sich vorwiegend in der Grammatik und Literatur des Syro-Aramäischen zur Zeit der Entstehung des Korans (7. Jh.) auskennen. Dazu selbstverständlich auch in der nachkoranischen Grammatik, um Missdeutungen zu erkennen, die durch nachträgliche Fehllesungen der frühen arabischen Schrift bedingt sind.

SZ: Sie spielen damit auf die sogenannten „diakritischen Punkte“ an, die heute in der arabischen Sprache der Gegenwart die mehrdeutigen Buchstaben genau bestimmen, und die es aber zur Zeit des Korans nicht gegeben hat?

Luxenberg: Ja, die frühe arabische Schrift hatte den Nachteil, dass ursprünglich nur 15 Zeichen das heute 28 Phoneme zählende arabische Alphabet zu vertreten hatten. Von diesen Zeichen waren nur 6 Buchstaben eindeutig; von den übrigen 9 waren 7 Zeichen zweideutig, 1 Zeichen dreideutig und ein weiteres sogar fünfdeutig. Die späteren arabischen Philologen haben diese Schriftzeichen nach und nach durch Einführung eines Punktesystems, diakritische Punkte genannt, eindeutig gemacht. Nach diesem Punktesystem ist die heute für alle Muslime als kanonisch geltende Kairiner Koranausgabe festgelegt. Dass aber beim nachträglichen Setzen dieser Punkte Fehler unterlaufen konnten, leuchtet auch einem heute gebildeten Araber ein, dem der Text nicht geläufig ist.

SZ: Kleine Fehler wird ein gläubiger Moslem vielleicht noch zugestehen, aber große Bedeutungsunterschiede sicherlich nicht.

Luxenberg: Nach islamischer Tradition heißt es, dass die nachträgliche Festlegung des Korantextes durch eine auf den Propheten Mohammed zurückgehende, ununterbrochene mündliche Überlieferung gesichert sei. Dem widerspricht aber das Ergebnis der philologischen Analyse, die an zahlreichen Stellen Fehlbelegungen der ursprünglichen Grundschrift nachgewiesen hat. Zu diesen Fehlbelegungen durch falsch gesetzte Punkte kommen noch Fehldeutungen durch arabisch missverstandene Ausdrücke, wie auch durch arabische Ausdrücke, die semantisch nur durch Rückübersetzen ins Syro-Aramäische zu erschließen sind.

SZ: Wie ist denn das Verhältnis von Syro-Aramäisch und Arabisch?

Luxenberg: Man könnte das Verhältnis beider Sprachen etwa mit Deutsch und Holländisch vergleichen, es gibt gemeinsame Wurzeln, aber große semantische Unterschiede. Nehmen wir das Verb „bellen“, das auf Holländisch klingeln bedeutet. „Bitte dreimal bellen“, würde kein Deutscher an die Tür schreiben.

nach-islamischem-glauben-erwarten-den-gl%C3%A4ubigen-im-paradies-viele-huris-die-blendendwei%C3%9Fen-die-zur-belohnung-der-seligen-dienen[1]SZ: Nun zu den Fehllesungen und Fehldeutungen, die Sie „unzählige Male die Hände über den Kopf zusammenschlagen“ ließen. Ein plakatives Beispiel sind die wundersamen Jungfrauen, die den islamischen Selbstmord-attentätern im Paradies angeblich versprochen werden..

Luxenberg: Ja, die berühmten „Huris“ oder Paradiesjungfrauen, die sich die arabischen Korankommentatoren nicht anders erklären konnten. Syro-aramäisch verstanden, bezeichnen die koranischen Ausdrücke „weiße Weintrauben“, als symbolische Ausstattung des christlichen Paradieses in Anlehnung an das Abendmahl des Evangeliums. Das Gleiche gilt von den als „Knaben bzw. Jünglinge des Paradieses“ missdeuteten koranischen Ausdrücken, die syro-aramäisch die gleichen Weintrauben bezeichnen, die der Koran übrigens mit „Perlen“ vergleicht. Bei den gründlichen Missdeutungen, gerade bei den christlichen Symbolen des Paradieses, war sicherlich das männliche Element bei den arabischen Korankommentatoren ausschlaggebend.

islamparadiespinguin[1]SZ: Das „männliche Element“ ist eine gute Überleitung zum Thema „Kopftuch“, das zur Zeit heftig diskutiert wird und das der Koran den Frauen angeblich vorschreibt. Wie verhält es sich damit?

Luxenberg: In einer Passage in Sure 24 Vers 31 heißt es arabisch verstanden: „Sie sollen sich ihre ,Chumur‘ auf ihre Taschen schlagen!“ Diese unverständliche Passage wurde dann so interpretiert: „Sie sollen ihre Kopftücher über ihre Brüste ziehen“. Syro-aramäisch ist es aber so zu verstehen: „Sie sollen sich ihre Gürtel um die Lenden (ihre Taille) schnallen“.

SZ: Das Kopftuch ist in Wirklichkeit also ein Keuschheitsgürtel?

Luxenberg: Nicht ganz. Der Gürtel ist ein Symbol für Keuschheit, wie er auch in der christlichen Religion üblich ist. Auch Maria trägt einen „Gürtel um die Lenden“. In der syrischen Version des Abendmahls heißt es auch, dass Christus sich einen Schurz „über die Lenden schlug“(Aramäisch), um die Füße seiner Jünger zu waschen.

SZ: Offensichtlich gibt es zahlreiche Parallelen zum christlichen Glauben. In Sure 97 haben Sie „Weihnachten“ im Koran gefunden, in der berühmten Mariensure wird in Ihrer Übersetzung die „ Niederkunft“ Marias durch den „Herrn legitim gemacht“, und obendrein soll es Aufforderungen zum Gottesdienst, zur Messe geben. Ist der Koran nichts anderes als eine arabische Version der Bibel?

Luxenberg: Eigentlich ist der Koran ein syro-aramäisches liturgisches Buch mit Auszügen aus der Schrift zur Verwendung im christlichen Gottesdienst. Das konnten Hymnen sein mit entsprechenden Inhalten, wie sie uns im Koran begegnen. In einer zweiten Phase ist der Beginn einer Predigt im Koran festzustellen, die zur Aufgabe hatte, den heidnischen Mekkanern den Glauben der Schrift in arabischer Sprache zu vermitteln. Der sozio-politische Teil, der mit dem ursprünglichen Koran wenig zu tun hat, wurde später in Medina hinzugefügt. Der Koran war von Anfang an nicht als Grundlage einer neuen Religion gedacht. Er setzt vielmehr den Glauben an die Schrift voraus und hat insoweit nur eine arabische Vermittlerrolle.

SZ: Für viele gläubige Moslems, die den Koran als das einzig wahre, heilige Buch ansehen, werden diese Ergebnisse ein Art blasphemischer Schock sein. Wie waren denn die bisherigen Reaktionen?

Luxenberg: In Pakistan wurde die Ausgabe der Zeitschrift Newsweek mit einem Artikel über meine Arbeit verboten. Sonst muss ich sagen, dass ich bei meinen bisherigen Begegnungen mit Muslimen keinerlei Anfeindungen erfahren habe. Im Gegenteil: Sie bekundeten Respekt für das Bemühen eines Nichtmoslems um das sachliche Verständnis ihrer Heiligen Schrift. Blasphemie wird es nur für solche sein, die sich lieber an das falsch gedeutete Wort Gottes halten wollen. Im Koran steht aber: „Wen Gott irreführt, den wird auch keiner rechtleiten können“.

SZ: Aber was ist mit islamischen Staaten wie Saudi-Arabien oder dem Iran, denen sie mehr oder weniger den religiösen Boden unter den Füßen weg ziehen?

Luxenberg: Dies muss nicht unbedingt sein, wenn diese Staaten gewillt sind, den Koran so zu verstehen, wie er objektiv verstanden sein will. Islamische Staaten hätten es vielmehr in der Hand, das neue Verständnis des Korans sinnvoll umzusetzen.

SZ: Befürchten Sie nicht, dass es Ihnen wie Salam Rushdie gehen könnte, gegen den eine Fatwa ausgesprochen und der zum Tode verurteilt wurde?

Luxenberg: Eine Fatwa habe ich nicht zu befürchten, weil ich kein Moslem bin. Außerdem geht es hier ja nicht um eine Verunglimpfung des Korans.

SZ: Sie haben sich dennoch ein Pseudonym zugelegt?

Luxenberg: Das Pseudonym habe ich mir auf Anraten muslimischer Freunde zugelegt, weil diese meinten, dass aufgebrachte Fundamentalisten einer Fatwa nicht bedürften, um auf eigene Faust tätig zu werden.

Interview: Alfred Hackensberger

Quelle: SZ vom 24.02.2004

Ein Kommentar

  • Occam

    Außerhalb Deutschlands wurde Luxenbergs Buch durchaus auch kontrovers diskutiert- so etwa von Francois de Blois von der Universität London im Journal of Qur’anic Studies, 2003, Vol. V, Nr. 1, S. 92-97: Review Of Die syro-aramäische Lesart des Koran
    Da de Blois allerdings selbst an anderen Stelle den jüdisch-christlichen Hintergrund des Korans thematisiert, mag er sich bei aller harschen Kritik vielleicht auch hier und da einfach nur geärgert haben, dass nicht er selbst, sondern ein Außenseiter die Diskussion in der Öffentlichkeit vorangetrieben und ins Rampenlicht gebracht hat.
    Eine gute Zusammenfassung des Forschungsstands lieferte 2010 Gabriel Said Reynolds in seinem Buch The Qur’an and its Bliblical Subtext.

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