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Mythen der europäischen Hexenverfolgung

Zu den größten Erfolgen des kürzlich wieder neugegründeten MÄRZ-Verlags von Jörg Schröder gehörte Mitte der 1980er Jahre ein Buch der damals in Bremen lehrenden Professoren Gunnar Heinsohn und Otto Steiger, „Die Vernichtung der weisen Frauen“. Die These von den Millionen, die der Hexenverfolgung zum Opfer fielen, fiel seinerzeit auf fruchtbaren Boden. Spiegel, Süddeutsche, Zeit und Alice Schwarzers Emma stürzten sich auf die süffigen Thesen von Heinsohn/Steiger, ohne dass irgendjemandem in den Sinn kam, mal nach der Faktenbasis zu fragen.

 

Heinsohn & Steiger konnte das ganz recht sein, denn dieses Buch über die angebliche Massenvernichtung der weisen Frauen (= Hexen-Hebammen) war sowieso lediglich die populärwissenschaftliche Variante und zugleich medienwirksame Unterfütterung ihrer zahlreichen Veröffentlichungen (z.T. zusammen mit Rolf Knieper) zur Allgemeinen Bevölkerungstheorie der Neuzeit. Sie wollten den Nachweis führen, dass das Versagen der modernen Bevölkerungswissenschaft, das Bevölkerungswachstum zu verstehen und durch geeignete Maßnahmen zu beeinflussen, darauf zurückzuführen ist, dass sie die wirtschaftlichen Grundlagen der menschlichen Reproduktion ignoriert. Deshalb verwarfen sie kurzerhand die Komplexität und Unbestimmtheit früherer Forschungen und stellten eine „Allgemeinen Bevölkerungstheorie der Neuzeit“[1] auf.  Diese Theorie stützt sich auf zwei Postulate:

 

  1. Es gibt keine natürliche Tendenz der Menschen, sich selbst zu reproduzieren („da der Wunsch nach Kindern“ nicht „naturgegeben“ sei (S. 12); und
  2. „Fortpflanzung und Aufzucht von Kindern“ ist „stets vom ökonomischen Kalkül getragen“. (S. 11).

 

Diese „materialistische“, oder wenn man so will: vulgärmarxistische Theorie, die übrigens nicht mal im ‚Realen Sozialismus‘ der DDR gut ankam[2], postulierte: Nur wenn es produktives Eigentum gibt, das von einer Generation an die nächste weitergegeben wird, gibt es einen Anreiz, sich freiwillig zu paaren und in einer Familieneinheit zu reproduzieren. Der Lohnarbeiter hat kein Eigentum, das er vererben könnte, ergo muss sein natürliches wirtschaftliches Interesse die Kinderlosigkeit sein. Jede Entwicklung weg von einer auf bäuerlichem Familienbesitz basierenden Agrarwirtschaft hin zu einem auf Lohnarbeit basierenden Produktionssystem würde daher unweigerlich und auf natürliche Weise zu einer schrumpfenden Bevölkerung und damit zu einem Verlust des notwendigen Arbeitskräfteangebots und zu wirtschaftlichem Niedergang führen.

 

Bei Heinsohn und Steiger wird daraus ein veritables Verschwörungsszenario. Staat und Kirche hätten sich im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit europaweit darauf verständigt, „weise Frauen“, womit sie insbesondere Hebammen meinten, wegen ihres geheimen Wissens um Empfängnisverhütung und Abtreibung als Hexen zu verfolgen. Nach ihrer Deutung der historischen Ereignisse seit dem 14. Jh. wurde die lebenswichtige Wende durch den Staat herbeigeführt, der sich mithilfe der Kirche um die Ausrottung des Verhütungswissens (via Hexenverbrennung), die konsequente Verfolgung von Kindermord und Abtreibung und die systematische Indoktrination der Bevölkerung mit dem Glauben an einen natürlichen Ehe- und Kinderwunsch kümmerte. Weil sich die arbeitende Bevölkerung zur Geburtenkontrolle des geheimen Wissens „weiser Frauen“ bedient habe, hätten Staat und Kirche solche Praktiken kriminalisiert. Das Ergebnis sei eine Win-Win-Situation gewesen:

Den Territorialstaaten sei es darum gegangen, die Zahl ihrer steuerzahlenden und kriegsdienstleistenden Untertanen zu vermehren, die Kirche konnte so auf die Auffüllung ihrer durch die spätmittelalterlichen Pestepidemien dezimierte Grundherrschaften hoffen. Daraus leiten sie ab, dass die „neuzeitliche Hexenverfolgung als Nebenprodukt der Geburtenkontrollbekämpfung“ (S. 13) aufzufassen sei, womit die etablierte Hexenforschung „die furchtbare Rationalität der keineswegs wahnsinnigen Hexenjäger“ (S. 14) verfehle, deren Nebenwirkungen bis in die Gegenwart hineinwirken würden: der Verlust volkstümlichen Verhütungswissens, die Unterwerfung der Hebammen unter die Herrschaft professioneller Ärzte und eine die Geburtenkontrolle insgesamt verketzernde, konservative Moral. (S. 380)

 

Downloadlink: Heinsohn/Steiger: inflation and Witchcraft. The Case of Jean Bodin (1997)

 

Die entscheidende Behauptung eines Zusammenhangs zwischen Hexenverbrennung und dem Verschwinden des Wissens über Geburtenkontrolle wird durch den ständigen überzogenen Verweis auf die angeblichen Millionen ausgerotteter Menschen eher entkräftet, aber bestimmt nicht gestärkt. Und auch nicht dadurch, dass man die Werke  früherer Jahrhunderte wie Jean Bodins De la Demonmanie des sorciers und Heinrich Institoris‘ (Kramer latinisiert)  Hexenhammer zu maßgeblichen Schriften ihres Zeitalters stilisiert und ihnen so ganz nebenbei als selbstverständlich unterstellt, dass sie alle Hebammen für Hexen hielten. So heißt es bereits im Abstract des oben verlinkten Artikels:

 

„Die große Hexenjagd wurde als grausamste und schrecklichste Maßnahme zur Beseitigung der Geburtenkontrolle eingeleitet, um Europa wieder zu bevölkern. Bodin war sich dieser Katastrophe noch bewusst und erklärte die Geburtenkontrolle zur Hexerei, die er sorgfältig von der traditionellen Magie unterschied. Wie der Malleus Maleficarum (1487) beschuldigte Bodin die Hebammen, die Experten der Geburtenkontrolle, als Hexen.“

 

Diese oberflächliche Gleichsetzung hat weder das  „Universalgenie der Neuzeit“ (Heinsohn u. Steiger über Bodin), dessen Schriften der Papst auf den Index hatte setzen lassen, im Sinn gehabt noch achtzig Jahre vor ihm der Verfasser des Hexenhammers, der die Minderheit der „Hexen-Hebammen“ eindeutig von den übrigen Hebammen abgrenzte. Doch bei Heinsohn & Steiger gewinnt man den Eindruck, als müsste sich der Hexenhammer  – der bei bei ihnen zur „Zentralschrift zur Anleitung der Verfolgung“ (S. 14) geadelt wird – eigentlich wie eine aufgeklärte Instruktion zur Unterbindung der Geburtenkontrolle lesen. Und wirklich gewinnt man aus der „eklektischen Zusammenstellung der Zitate“ den Eindruck, als wäre es den beiden Dominikanern Sprenger und Institoris allein um Empfängnisverhütung und Abtreibung durch Hebammen gegangen. Aber dem ist nicht so! Der Maleus Maleficarum – so der Hexenhammer-Spezialist Günter Jerouschek 1986 in seiner Kritik an Heinsohn & Steigers „Wahrnehmungsfragmentierung“ – „in dem erstmals durch eine konsequente Sichtung die disparaten Äußerungen insbesondere kanonischer Autoritäten zu Fragen der Dämonologie in ein kohärentes Hexereikonzept überführt wurden, strotzt nur so von kolportierten Greuelmärchen wie Hexenflügen, Tierverwandlungen, geschlechtlichem Umgang mit Dämonen oder obskuren Schadenszaubereien.“ Es würden hier also „mitnichten Zauberei an sich und Empfängnisverhütung in einen Topf geworfen, wie Heinsohn und Steiger vorgeben, sondern ist allein die Empfängnisverhütung in unterschiedlichen Ausführungsmodalitäten geregelt, wovon auch der »Hexenhammer« wie selbstverständlich ausgeht.“[3]

Nicht von ungefähr hatten die Annahmen von Heinsohn & Steiger schon kurz nach dem Erscheinen noch andere vernichtende Kritiken erlebt, sogar von feministischer Seite, wie der auch heute noch lesenswerte Verriss von Sybille Flügge 1986 in der Zeitschrift Feministische Studien zeigt.

 

Downloadlink:  Sybille Flügge: Rezension „Die Vernichtung der weisen Frauen“

 

Dennoch, die Resonanz ihrer griffigen Erklärungsmuster war und ist beträchtlich, obwohl sie eigentlich weder besonders originell noch wirklich neu waren. 1974 hatte Axel Matthes bei Rogner & Bernhard Jules Michelets Die Hexe (La Sorcière) in deutscher Übersetzung mit Beiträgen von Roland Barthes und George Bataille neu herausgebracht. Der Historiker Michelet hatte in seinem berühmten Roman von 1863 der verklärenden Umdeutung der Gestalt der ‚Hexe‘ zur Exponentin einer Subkultur, die der herrschenden christlichen Kultur vorausgegangen und entgegengesetzt gewesen und von letzterer verfolgt worden sei, prägende Gestalt gegeben. Mit dem ihm eigenen Pathos setzte er der verfolgten „Zauberin“ In Frankreich ein romantisches Denkmal, indem er sie posthum zur immerwährenden ,Ärztin des Volkes‘ erklärte. Oder, wie Barthes in seinem Vorwort schreibt: „allein in ihrer Kate lauscht die junge Frau des Leibeigenen auf die flüchtigen Hausgeister, die Überbleibsel der früheren heidnischen Götter, die die Kirche vertrieben hat: sie macht sie zu ihren Vertrauten, während ihr Mann draußen arbeitet.[4]

 

Gerald B. Gardner

Gelesen hatte ich von der millionenfachen Hexenverfolgung das erste Mal 1971 in Gerald Brosseau Gardners Witchcraft Today (dt: Ursprung und Wirklichkeit der Hexen, erschienen 1965 im Otto Wilhelm Barth Verlag). Okkultes war damals gefragt, und ich war als 18jähriger von Gardners Buch begeistert, und geradezu entzückt, dass er sich auch noch auf Aleister Crowley berief, hatte ich doch seinerzeit ein weites Herz für alles Okkulte. Rockgruppen wie Black Widow oder Black Sabbath pilgerten zum Londoner Domizil von Alex Sanders, dem selbsternannten Hohepriester der  Gardnerian Wicca. Led Zeppelins Lead-Gitarrist Jimmy Page kaufte sich Crowleys ehemaliges Haus am Ufer von Loch Ness. War schon eine wilde Zeit, damals ….

 

Jahre später musste ich freilich feststellen, dass ich einem Scharlatan aufgesessen war. Denn, wie sich später herausstellte, hatte Gardner sein angeblich durch Initiation in Hexenkreisen erlangtes Wissen aus der Sekundärliteratur, mit der er zudem sehr phantasievoll umging, zusammengeschrieben. Ähnliches hatte ja lange vor ihm die Ägyptologin Margaret Murray in den 20er Jahren getan, die das Hexenwesen zum Relikt eines von der Kirche verfolgten heidnischen Fruchtbarkeitskultes erklärte[5] und in den 60er und 70er Jahren dann auch die deutsche Esoterikerin Ursula von Mangoldt, die übrigens auch Gardners Buch ins Deutsche übersetzt hatte; Murray hatte die Einführung verfasst. Auch wenn wir heute gnädig den Mantel des Schweigens darüber ausbreiten, dass der NS-Ideologe Alfred Rosenberg (Der Mythus des 20. Jahrhunderts) die Hexe ganz konsequent zum Inbegriff der – natürlich germanischen! – Priesterin erklärte, deren Kult von der Kirche in den Hexenverfolgungen unterdrückt worden sei; dass der SS-Führer Heinrich Himmler, der für jede abstruse Mythologie zu haben war, eine eigene Dienststelle des SD damit beauftragte, eine 33.000 Prozesse umfassende Hexen-Kartothek zu erstellen, um die „ungeheuerlichen Verbrechen“ (Heinsohn/Steiger, S. 159) der jüdisch-christlichen Kirche an den germanischen Priesterinnen zu belegen[6]; oder über Mathilde Ludendorffs Anprangerung der „Hexenmarterung durch protestantische Geistliche[7]  – selbst, wenn wir das tun, muss man heute dennoch konstatieren: „Kaum ein Produkt aus dem wissenschaftlich-publizistischen Bereich der Bundesrepublik hat solch eine Tiefenwirkung erzielt wie die nun von der politischen Linken neu aufgelegte Variante jenes älteren mythischen Hexenbildes, welches das gesellschaftliche Drama der Hexenverfolgung auf ein politisches Schurkenstück verkürzt. Indessen ist die von den Autoren gern angeführte Publizität ihrer Thesen noch lange kein Beleg für deren Seriosität und Richtigkeit, jedoch ein vielsagender Hinweis auf die ‚pseudokritische‘ (Behringer) Einstellung ihrer Rezipienten.“[8]

 

Die Entstehung der Fama von den ‚weisen Frauen‘ geht sogar noch weiter zurück, wie der Historiker Wolfgang Behringer 1998 in seinem Artikel 9 Millionen Hexen[9] kenntnisreich nachgewiesen hat. Eine Kurzfassung, die treffend aufzeigt, auf welche Ammenmärchen sich Gunnar Heinsohn und Otto Steiger stützten, macht die ganze Malaise ihres Theoriegebäudes sichtbar:

 

Downloadlink: Wolfgang Behringer: 9 Millionen Hexen: Entstehung, Tradition und Kritik eines populären Mythos

 

Heinsohn & Steiger ignorierten nicht nur die Tatsache, dass in anderen Ländern wie England, aber auch Spanien und Frankreich, der Hexenwahn viel schwächer ausgebildet war. Sie verstiegen sich sogar in die völlig unbewiesene Behauptung, dass es bei der brutalen Durchsetzung der „christlichen Fortpflanzungsreligion“ um das das Wissen der weisen Frauen zur Empfängnisverhütung (anscheinend der primäre Daseinszweck von Hebammen) gegangen sei: „Als das ungeheuerlichste Ereignis der Neuzeit vor Auschwitz  muss das Foltern und Töten von Millionen Frauen zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert – im christlichen Weltbild als Hexenverfolgung legitimiert – gelten.“ (S. 14). „Die Methoden Hitlers und seiner Schergen vorwegnehmend, verwandelte die katholische Kirche … Europa durch die Hexenverfolgung in ein einziges Konzentrationslager: Bespitzelung, Einschüchterung, Denunziation und Demagogie bestimmten den Alltag, die Furcht vor Verschleppung und viehischer Mißhandlung war allgegenwärtig, in Städten und Dörfern rauchten die Scheiterhaufen wie später die KZ-Schlote.“[10] Der Leser wird mit einem Wust von detaillierten Zahlenangaben unterschiedlicher Provenienz förmlich erschlagen, sodass ihm die schlussendlich präsentierte Zahl von mindestens über einer Million verfolgter Menschen, die rund 500.000 Opfer in Westeuropa gefordert habe (mit der Einschränkung: „wenn man zu den niedrigeren Schätzungen neigt“) als Ergebnis einer überaus gründlichen Forschungsarbeit erscheinen mag.[11]

 

Aber ein ebenso großes  Problem scheint mir die konsequente Reduzierung alles menschlichen Verhaltens auf den homo oeconomicus zu sein, also die Weigerung, die natürliche menschliche Motivation in anderen Begriffen als der ökonomischen Kosten-Nutzen-Analyse zu sehen, gepaart mit der damals in der Pädagogik modischen Verschiebung der Skala des Verhaltens von angeboren auf erworben. Schon 1976 hatten Heinsohn und Knieper im quittegelben Suhrkamp-TB Theorie des Familienrechts behauptet, es sei die die Funktion der Familie, dass in ihr die Eltern gegen ihre eigenen Interessen Kinder erzeugen und gratis für den Staat aufziehen.[12]

 

1980 hatte der Historiker William H. Hubbard in einem Verriss des Buches Menschenproduktion  – Allgemeine Bevölkerungstheorie der Neuzeit im Journal of Economic History auf die nur scheinbar gründliche, in Wahrheit aber lückhafte Bibliographie hingewiesen, die viele wichtige neuere Studien ignoriert habe. Trotz der nüchternen Präsenz von mathematischen Formeln und Nachfrage-/Angebotskurven sei, so Hubbard, der Band eher ein dogmatisches Traktat als eine sorgfältig begründete wissenschaftliche Abhandlung. („the volume is more of a dogmatic tract than a carefully reasoned scholarly treatise.“) Auch der Historiker Friedrich-Wilhelm Hennig beklagte seinerzeit „die Einseitigkeit der Betrachtungsweise“: „Der teleologische Charakter dieses Bemühens bewirkt aber eher eine Verengung der Erkenntnisgrenzen.“ Was bleibt, ist die Behauptung „der Ausschluss des Nachwuchsverhütungswissens durch die millionenfache Tötung seiner Trägerinnen, die als ‚Hebammen-Hexen‘ zwischen dem 15. und dem Ende des 17. Jahrhunderts vernichtet wurden.“ (Klappentext).

Und da eben liegt der Hund begraben. Natürlich kann man ein ganzes demographisch-/politökonomisches Theoriegebäude auf die millionenfache Vernichtung der weisen Frauen aufbauen. Doch folgt man den eher wahrscheinlichen, deutlich geringeren Schätzungen der Opferzahlen bei Hexenprozessen und einer differenzierteren Betrachtung statt dieses verengten Blickwinkels, dann hätten Heinsohn & Steiger ihr Werk auf eine Fiktion gestützt – und das ganze Theoriegebäude stürzt in sich zusammen, weil das Fundament fehlt. Dazu muss man gar nicht erst die Mutter Johannes Keplers anführen, der wegen ihres berühmten Sohnes Folter und Schlimmeres erspart blieb. Denn der Wind blies Gunnar Heinsohn & Otto Steiger auch deshalb ins Gesicht, weil sich herausstellte, dass es für ihr Annahme, „dass die Vernichtung der weisen Frauen ausdrücklich in bevölkerungspolitischer Absicht zur Unterbindung der Geburtenkontrolle von Kirche und Staat ins Werk gesetzt wurde“ einfach keine belastbaren Fakten gab. So lautete das Resümee des Historikers Franz Irsigler, der bereits vor 20 Jahren eine sehr gute und immer noch lesenswerte Erwiderung auf diese These schrieb. In seinem Einführungstext zur Ausstellung  Hexenwahn – Ängste der Neuzeit geschrieben hatte,  kann man u.a. nachlesen, dass zwar unbestritten „zu den Opfern des Hexenwahns auch eine signifikante Zahl von ‚weisen Frauen‘ gehörte, das heißt von heilkundigen, meist aber doch mit recht einfachen medizinischen Praktiken an Mensch und Tier vertrauten Personen. Dazu wird man natürlich die Hebammen rechnen, obwohl das Berufsfeld der in der Geburtshilfe tätigen Frauen auf dem Lande erst im späteren 16. Jahrhundert aufgebaut worden ist. In den meisten Dörfern agierten als Geburtshelferinnen zwei bis vier ältere Frauen aus der unmittelbaren Nachbarschaft oder Verwandtschaft. Soweit es die überlieferten Berufsangaben in den Hexenprozessakten erkennen lassen, waren Hebammen unter den Prozessopfern nur in marginaler Zahl vertreten; ihr Anteil lag im kleinen Promillebereich; unter den etwa 60.000 Menschen, die europaweit vom 15. bis zum 18. Jahrhundert als vermeintliche Hexen und Hexenmeister hingerichtet worden sind, waren vermutlich nicht mehr als 200 Hebammen, eher weniger.“[13] Ja, nicht nur das! Es lässt sich sogar nachweisen, „dass eine beachtliche Zahl von Hebammen auch in der Hochphase der Verfolgungswellen völlig unbehelligt blieb. Einige waren sogar als Sachverständige an Hexenprozessen beteiligt“.

 

Ihre Heilkunde und ihre Tätigkeit standen nämlich überhaupt nicht zur Disposition. „Die Kölner Prozessakten belegen eindeutig, dass in schweren Krisensituationen Unglücksfälle, wie der Tod oder die ernsthafte Erkrankung von Neugeborenen, den Hebammen nicht als ‚Kunstfehler‘, sondern als Schadenzauber ausgelegt wurden.“ Allein diese Deutung machte sie zu Hexen, keineswegs aber ihre Heilkundigkeit.

 

Die Hartnäckigkeit, mit der bei uns, aber auch im angelsächsischen Raum an spekulativen Thesen wie der von Heinsohn und Steiger festgehalten wird, verwundert angesichts der Tatsache, dass seit den späten 1970er Jahren hat in der Erforschung des historischen Hexenwahns und der europäischen Hexenverfolgung eine stille Revolution stattgefunden. Gut, nicht unbedingt ein Paradigmenwechsel, doch sind inzwischen viele Vorstellungen, die vor dreißig Jahren noch in den Köpfen waren und auch die wissenschaftliche Diskussion ausgebremst oder besser gesagt: aus dem öffentlichen Raum verbannt hatten, durch eine Flut neuer Daten als Phantasiegebilde entlarvt worden. Leider haben es nur wenige der neuen Informationen in die populäre Geschichtsdarstellung geschafft. Noch immer ist die Diskussion dieses Themas geprägt von einer Diskrepanz zwischen liebgewonnenen ideologischen Überzeugungen, die sich auf längst veraltete Quellen stützt und wissenschaftlicher Forschung, die eher im Verborgenen blüht.

Der britische Historiker Robin Briggs, ein ausgewiesener Kenner der Materie, geht davon aus, dass 20 bis 25 Prozent der Europäer, die zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert wegen Hexerei hingerichtet wurden, Männer waren. Regionale Unterschiede sind wiederum bemerkenswert. Frankreich war „eine faszinierende Ausnahme von dem breiteren Muster, denn in weiten Teilen des Landes scheint Hexerei überhaupt keinen offensichtlichen Zusammenhang mit dem Geschlecht gehabt zu haben. Von fast 1.300 Hexen, deren Fälle im Berufungsverfahren vor das Parlament von Paris gebracht wurden, waren etwas mehr als die Hälfte Männer … Die große Mehrheit der angeklagten Männer waren arme Bauern und Handwerker, eine ziemlich repräsentative Stichprobe der normalen Bevölkerung.“ Es gibt einige extreme Fälle in Randregionen Europas, wobei Männer 90 Prozent der Angeklagten in Island, 60 Prozent in Estland und fast 50 Prozent in Finnland ausmachen. Andererseits gibt es Regionen, in denen 90 Prozent oder mehr der bekannten Hexen Frauen waren; dazu gehören Ungarn, Dänemark und England. Die Tatsache, dass sich viele neuere Autoren zu diesem Thema auf englische und nordamerikanische Beweise gestützt haben, hat hier wahrscheinlich zu einem Perspektivfehler geführt, wobei die überwiegende Dominanz weiblicher Verdächtiger in diesen (auch durch geringe Verfolgungsraten gekennzeichneten) Gebieten als typisch angenommen wird. Es ist auch nicht so, dass die Gerichte männliche Verdächtige günstiger behandelten; Die Verurteilungsraten sind normalerweise für beide Geschlechter ähnlich.[14] Einige weitere Belege habe ich hier angeführt: Newton, der Teufel und die Hexen, im letzten Teil des Beitrags.

 

An den wilderen Ufern der feministischen und Hexenkultbewegungen“, schreibt Robin Briggs, „hat sich ein mächtiger Mythos etabliert, der besagt, dass 9 Millionen Frauen als Hexen in Europa verbrannt wurden, eher Geschlechtermord als Völkermord. Dies ist eine Überschätzung um einen Faktor von bis zu 200, denn die vernünftigsten modernen Schätzungen gehen von vielleicht 100.000 Prozessen zwischen 1450 und 1750 aus, mit etwas zwischen 40.000 und 50.000 Hinrichtungen.“ Seine Schätzungen fallen also noch deutlich geringer aus als die von Irsigler. Briggs meint zwar, dass „diese Zahlen erschreckend genug sind, aber sie müssen in den Kontext der wahrscheinlich härtesten Periode der Todesstrafe in der europäischen Geschichte gestellt werden.“[15]

 

Vor zwei Jahren hat eine junge Historikerin von der Uni Boston den aktuellen Stand der Forschung zusammengefasst, zwar vorwiegend mit Literaturhinweisen aus dem englischen Raum, aber mit erhebliche Konsequenzen auch für die Diskussion des Themas bei uns. Der englischsprachige Artikel ist im August 2020 in der Online-Zeitschrift The Pomegranate. The International Journal of Pagan Studies erschienen[16], kann aber auch auf der Homepage der Uni eingesehen werden:

 

http://www.faculty.umb.edu/gary_zabel/Courses/Phil%20281b/Philosophy%20of%20Magic/Arcana/Witchcraft%20and%20Grimoires/witch_hunt.html

 

Für diejenigen, die sich mit dem Englischen etwas schwer tun, habe ich eine deutsche Übersetzung vorbereitet: Stand der Forschung zur europäischen Hexenverfolgung

 

Anmerkungen

 

[1] Zitate, wenn nicht anders angegeben, aus Heinsohn/Steiger/Knieper: Menschenproduktion. Allgemeine Bevölkerungstheorie der Neuzeit (1976), 3. Aufl. 2015

[2] Rezension von Dieter Vogeley (damals Bevölkerungswissenschaftler an der Humboldt-Universität). In: Jürgen Kuczinsky (Hg.), Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte (1983), S. 212-13

[3] Günter Jerouschek: Des Rätsels Lösung? – Zur Deutung der Hexenprozesse als staatsterroristische Bevölkerungspolitik. In: Kritische Justiz, Bd. 19, 4 (1986), S. 443-45; Zitat S. 447

[4] Roland Barthes: Vorwort zu Jules Michelet, Die Hexe. München: Rogner & Bernhard 1974, S. 5f

[5] Margaret Murray: The Witch-Cult in Western Europe. (1921); God of the Witches (1933)

[6] Die Kartei wird heute in Polen aufbewahrt, vgl. Gerhard Schormann, Hexenprozesse in Deutschland, Göttingen 1986, S. 8-15. Siehe auch die umfassende Darstellung in Dieter R. Bauer & Sönke Lorenz (Hg.): Himmlers Hexenkartothek. Das Interesse des Nationalsozialismus an der Hexenverfolgung, Bielefeld 1999

[7] Mathilde Ludendorff: Hexenmarterung auch durch protestantische Geistliche. In: dies. & Walter Löhde (Hg.): Christliche Grausamkeit an Deutschen Frauen. München 1934 (ein Buch, dass sich in vier Jahren über 100.000fach verkaufte)

[8] Walter Rummel: ‚Weise‘ Frauen und ‚weise‘ Männer im Kampf gegen Hexerei. Die Widerlegung einer modernen Fabel. In: Christof Dipper u.a. (Hg.): Europäische Sozialgeschichte. Festschrift für Wolfgang Schieder, Berlin 2000, S. 353-375, Zitat S. 356

[9] Wolfgang Behringer: 9 Millionen Hexen: Entstehung, Tradition und Kritik eines populären Mythos. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 49 (1998), S. 664-685

[10] Gunnar Heinsohn, Rolf Steiger: Die Vernichtung der weisen Frauen. Beiträge zur Theorie und Geschichte von Bevölkerung und Kindheit ; [Hexenverfolgung, Kinderwelten, Bevölkerungswissenschaft, Menschenproduktion]. 4. erw. Auflage Erftstadt: MÄRZ bei AREA 2005, S. 159

[11] Heinsohn, Steiger, a.a.O, S. 142

[12] Das wurde schon damals kontrovers diskutiert, so in der Zeitschrift Kritische Justiz (KJ 2/75, S. 129-150) oder auch in einer Rezension von Wilfried Gottschalch in der BE (betrifft: erziehung 7/75, S. 65f).

[13] Nachzulesen auf: https://www.dhm.de/archiv/ausstellungen/hexenwahn/aufsaetze/10.htm. Auf derselben Webseite findet man auch weiterführende Literatur zum Thema Hexenverfolgung in Europa und weitere Weblinks zu Seiten, die sich mit dem Thema Hexenforschung beschäftigen.

[14] Robin Briggs: Witches & Neighbors: The Social and Cultural Context of European Witchcraft , S. 260f

[15] Briggs, a.a.O., S. 8

[16] DOI: https://doi.org/10.1558/pome.v13i5.2

3 Kommentare

  • Jochen Seelig

    Diese Kritik an Heinsohn/Steigerarbeitet mit Unterstellungen und falschen Zitaten.
    Die einfache Beobachtung, dass Fortpflanzung eben auch mit individuellem ökonomischem Kalkül einhergeht, wird ohne Begründung abgetan, sondern nur billig als materialistisch/vulgärmarxistisch abgetan. Eine Ausschließlichkeit der ökomischen Motive wird von H/S nicht unterstellt.
    Heinsohn/Steiger wird unterstellt, vom millionenfachen Mord an Hexen auszugehen. Das tun sie aber nicht, sie gehen von max. 500.000 aus, davon wohl ca. 20% Männern.
    Das „Universalgenie der Neuzeit“, Jean Bodin, ist ein Zitat, Heinsohn/Steiger kennzeichnen dies deutlich.
    Der Kritik von S. Flügge ist von H/S in der Neuauflage ihres Buches begegnet worden, dies nicht einmal zur Kenntnis zu nehmen belegt die Oberflächlichkeit dieser Kritik.

    • Occam

      Lieber Jochen Seelig,
      den Vorwurf der Oberflächlichkeit gebe ich gern zurück. Denn leider argumentieren Sie nicht, sondern behaupten oder halten sich an Nebensträngen (Vulgärmarxismus) oder Belanglosigkeiten wie der Kritik von Sybille Flügge auf, die ich inhaltlich nicht mal herangezogen habe. Deswegen interessiert es mich auch nicht, dass Heinsohn & Steiger in der 3. Auflage 1985 darauf eingehen. Das ist Schnee von gestern. Die Zitate von Heinsohn & Steiger hingegen kann jeder nachlesen. Wozu also solche durchsichtigen Manöver wie, ich hätte falsch zitiert? Im übrigen wären selbst 500.000 angebliche Opfer der Hexenverfolgung mehr als das 10fache der tatsächlichen Zahl. Auf meine eigentliche Kritik, die sich historisch gut belegen lässt, ebenso wie auf die von mir angeführten Referenzen, gehen Sie überhaupt nicht ein.
      Bei der Bezeichnung von Jean Bodin als ‚Universalgenie der Neuzeit‘ handelt es sich übrigens nicht um ein Zitat, wie man meinen könnte, wenn man nur die Überschrift des Artikels liest. Wenn die Autoren 1979 in der Auseinandersetzung mit Foucault und Glucksmann („Die Meisterdenker“) Bodin schon im Titel so charakterisierten, so war das der Tatsache geschuldet, dass sie den Begriff „Universalgenie“, warum auch immer, in ihrem Artikel grundsätzlich in Parenthese setzten. Bodin ist für sie derjenige, „der die unangreifbarste Arbeit zur Hexenverfolgung abgefasst hat“ (S. 103) und im Summary zum Schluss heißt es: „Jean Bodin (1530-1596) was the theoretician who most clearly formulated the demand for this forced production of humans. When referring to a postulate by France’s ’new philosphers‘ we call Jean Bodin the true ‚leading thinker‘ of modern times.“ (S. 105)

      Oder, wie man in einer „Research Note“ der beiden damals nachlesen konnte: „the Great Witch Hunt was initiated as the most ruthless method to eliminate birth control to repopulate Europe. Bodin was still aware of this catastrophe and declared birth control as witchcraft, which he carefully distinguished from traditional magic. Like Malleus Maleficarum [1487], Bodin blamed the midwives, the experts of birth control, as witches. Population policy, executed as the extermination of birth control, defined political economy, a concept elaborated by Bodin.“ (In extenso recycled und argumentativ mehr in Richtung der Dezimierung der Bevölkerung durch die Pestepidemien erweitert in einem Paper der beiden zur 42. International Atlantic Economic Conference in Washington, D.C. vom Oktober 1996: Inflation and Witchcraft or The Birth of Political Economy: The Case of Jean Bodin Reconsidered.)

      Das war einer der Gründe, warum Hubbard, Rummel und sehr detailliert Behringer die verzerrt dargestellten historischen Fakten gerade gerückt haben. Vielleicht wäre es gut, Sie würden sich mit der neueren Forschung zur Hexenverfolgung in Europa doch erstmal besser vertraut machen, statt gleich die Keule zu schwingen. Sie könnten ja mit dem Literaturbericht von Jenny Gibbons, den Sie im Anschluss an meinen Beitrag finden, anfangen.

      Es grüßt Sie
      RS

  • Uwe Topper

    Das hier kritisierte Buch von Heinsohn und Steiger (1985) wurde von mir ursprünglich recht positiv beurteilt. Allerdings bedauerte ich, daß hier die später von Heinsohn pionierhaft entwickelte Chronologiekritik noch keine Anwendung gefunden hatte. Wäre es zehn oder zwanzig Jahre später erschienen, hätte es vermutlich völlig andere Schlußfolgerungen präsentiert.
    In meinem Buch „Kalendersprung“ (2006) widme ich (Teil 3, S. 65-71) dem Thema ein ganzes Kapitel unter dem Titel: „Das Scheusal Hexenhammer“. Als Vorspann schrieb ich dazu:

    Eher hätte es heißen müssen: „Ohne Angst, als Fälscher gebrandmarkt zu werden…“, denn die nachträgliche Zementierung ihrer Verbrechen durch die Kirche selbst macht diese zu geschichtlichen Ereignissen. Und die fantasierte Chronologie dazu.
    Selbst innerhalb dieser bekannten Chronologie kann der Hexenhammer nicht vor 1535 erschienen sein, wie ich in besagtem Kapitel (S. 70) ausführe. Und eine Inquisition gab es nicht vor etwa „1490“. Rom erreichte sie erst 1542. Die französischen Jahreszahlen für das 14. bis 16. Jh. gehören alle einem anderen Zeitstrahl an, der von mir provisorisch als der ‚italienische‘ bezeichnet wird. Mit diesem Wissen lesen sich dann viele Einwände gegen die Abfolge und Häufigkeit der Hexenprozesse sinnvoller, wenngleich eine neue Datierungsweise noch nicht (vielleicht nie) geliefert werden kann.

    Aus dem nächsten Kapitel, das der Inquisition gewidmet ist, will ich einige weitere Sätze zitieren (S. 75):
    „Die legendäre Gründung des Heiligen Büros liegt im Dunkel, sie wurde durch kirchliche Geschichtsschreibung teilweise schon ins 12. und 13. Jahrhundert zurückverlegt, einem erfundenen Ordensgründer namens Dominikus zugeschoben. Diese Texte sprechen dann von einer »Wiedereinrichtung« der Inquisition (parallel zur »Wiedereroberung«), wenn sie die historisch faßbaren Ereignisse des ausgehenden 15. Jahrhunderts erwähnen. Darin wird die offizielle Gründung auf 1480 für Kastilien festgelegt; 1482 entstanden die ersten Büros in Sevilla, Córdoba, Valencia und Zaragoza, also zunächst nur in ehemals islamischen Gebieten. 1485 ist Toledo dran, 1488 Salamanca, jetzt also im Herzen gotischer Kultur, 1512/13 wird die Macht auf Navarra ausgedehnt und erst 1574 nach mehrfachen gescheiterten Versuchen auch Galicien erobert, gleichzeitig etwa mit Mexiko und Peru.
    Bei den Daten folge ich der offiziellen Geschichtsschreibung, die in Walker sowie in Miguel/Sanchez nachzulesen ist; im Zweifel halte ich mich vorrangig an das Werk des äußerst mutigen Aufklärers und Vernichters der Inquisition, Juan Antonio Llorente.“ (etwa ab 1812, Schulausgabe Madrid 1973).

    Literatur

    Llorente, Juan Antonio (1812): Memoria historica … (Madrid ; neu herg. u. eingel. von Valentina Fernández Vargas, (Madrid 1973)
    Topper, Uwe (2005): Kalendersprung. Falsche Geschichtsschreibung bestimmt die Zukunft (Grabert, Tübingen) – siehe auch chronologiekritik.de
    Walker, Joseph Martin (2001): Historia de la Inquisicion espanola (Madrid)

    Uwe Topper 17.9.2022

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