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Newton, der Teufel und die Hexen

„Newtons Schriften zu biblischen Themen erscheinen mir besonders interessant“, schrieb Albert Einstein im September 1940 an den Jerusalemer Gelehrten Abraham Yahuda, „weil sie einen tiefen Einblick in die charakteristischen intellektuellen Merkmale und Arbeitsmethoden dieses bedeutenden Mannes geben. Der göttliche Ursprung der Bibel ist für Newton absolut sicher, eine Überzeugung, die in merkwürdigem Gegensatz zu dem kritischen Skeptizismus steht, der seine Haltung gegenüber den Kirchen kennzeichnet.“ [1]

Einstein sprach da einen wunden Punkt an, denn obwohl Newton ein tiefgläubiger Christ war – vielleicht auch gerade deshalb – waren ihm bestimmte Glaubensinhalte, die er für Hinzufügungen aus späterer Zeit hielt, immer suspekt. So lehnte er z.B. den Glauben an die Heilige Dreifaltigkeit ab.[2]

Sir Isaac Newton lebte im Zeitalter des Skeptizimus, in dem eine neue Generation von Gelehrten der Historie mit vergleichenden Methoden der Quellenkritik und der Einbeziehung von Fundstücken und Artefakten zu sichereren Erkenntnissen verhelfen wollten; aber er war nicht Teil dieser Bewegung und wollte das auch gar nicht sein. Denn mit dem philosophischen Kritizismus, überhaupt der weitverbreiteten methodischen Skepsis zeitgenössischer Gelehrter mochte sich Newton nicht anfreunden. Zwar besaß er eine stattliche Sammlung von Kirchenvätern und gelehrter Literatur; doch nichts lag ihm ferner, als diese einer textkritischen Analyse zu unterwerfen, boten sie ihm doch abseits neuerer Methoden der Historiographie feste Glaubenssätze, an denen er nicht rütteln lassen wollte.

Auch vergessen wir heute leicht, dass Isaac Newton kein »Naturwissenschaftler« im heutigen Sinne dieses Begriffs war. Er war »Naturphilosoph«, dessen primäres Ziel es sein stets musste, die Chiffren ewiger göttlicher Gestaltungsmacht in der Natur zu entschlüsseln. Sowohl symbolhafte Deutung und mythologische Auffassung als auch die Entmythologisierung, die der um die Jahrhundertwende zum 16. Jh. sich ausbreitende Deismus unter dem Diktum der recta ratio unternahm, mussten einem Mann wie Newton wie Blasphemie erscheinen. Denn für ihn war das Reich Gottes gleichbedeutend mit dem fortwährenden Schöpfungsprozess in Natur und Geschichte in seiner ganzen eschatologischen Bandbreite. Nur wenn man den unerschütterlichen Ernst seines Glaubens ermessen kann, lernt man zu verstehen, warum ihm die prophetischen Zeugnisse und die endzeitlichen Visionen des Alten und des Neuen Testaments so wichtig waren.

„Newton“, schrieb der Wirtschaftwissenschaftler John Maynard Keynes in einem Manuskript, das nach seinem Tod anlässlich der Newton Tercentenary Celebrations im Trinity College am 17. Juli 1946 verlesen wurde, „war nicht der erste des Zeitalters der Vernunft. Er war der letzte der Magier, der letzte der Babylonier und Sumerer, der letzte große Geist, der die sichtbare und geistige Welt mit denselben Augen betrachtete wie diejenigen, die vor weniger als 10.000 Jahren begannen, unser geistiges Erbe aufzubauen. Isaac Newton, ein posthumes Kind, das am Weihnachtstag 1642 ohne Vater geboren wurde, war das letzte Wunderkind, dem die Heiligen Drei Könige aufrichtig und angemessen huldigen konnten.“[3]

Auch die eigene umwälzende physikalische Einsicht muss in diesem Kontext gesehen werden: Newtons berühmte Konzepte von absolutem Raum und absoluter Zeit beispielsweise basierten auf seiner Vorstellung von Gottes Allgegenwart und ewiger Dauer.[4] Newton hat sich beinahe fünf Jahrzehnte intensiv mit der Heiligen Schrift auseinandergesetzt, seine theologischen Schriften umfassen mindestens zweieinhalb Millionen Wörter und bilden die größte Einzelkategorie in seinem Manuskriptkorpus.[5] In diesen hat sich Isaac Newton auch ausführlich mit dem Teufel, den Dämonen, der Hexerei und den Geistern befasst. Doch haben sich seine Ansichten über einen langen Zeitraum hinweg allmählich weiterentwickelt. Die ersten Anzeichen für eine Abkehr von der »orthodoxen« Position finden sich in seinen Schriften aus den 1680er Jahren, während seine letzten und ausgereiftesten Kommentare zu diesem Thema auf die Zeit nach 1710 datiert werden.

Sowohl für den frühen Newton wie für seine Zeitgenossen Joseph Mede und dessen damals wegweisenden Offenbarungs-Kommentar[6]  und William Whiston[7] führt ein ein realer, personifizierter Teufel das heidnische Römische Reich an. Dagegen sind in Newtons späteren Schriften die Begriffe »Teufel« und »Satan« lediglich Symbole für das Imperium Romanum.

Folgt man Stephen Snobelen, dann scheint alles mit unorthodoxen Überlegungen über die Schlange in Genesis, Kapitel 3 in den 1680er Jahren begonnen zu haben, während Newtons letzte und ausgereifteste Kommentare zu diesem Thema auf die Zeit nach 1710 datiert werden.

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Sir Isaac Newton

In einem der prophetischen Manuskripte aus den 1680er Jahren, die Abraham Yahuda aus dem Newtonschen Nachlass für die Jerusalemer Universität erstand (vgl. meinen Newton-Aufsatz) geht Newton über die bloße Beschreibung hinaus zu einer bewussten Explikation über. Er deutete die Schlange, die Eva dazu verführte, von der Frucht des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, als Symbol für die fleischliche Begierde nach ihrem Mann, die „ihr Herz erfüllte“. Sie war also geil auf den feschen Adam, was den mysogynen Newton zu der Überlegung führte, dass es nicht der Teufel war, der Eva Adam verführen ließ, sondern der „Geist des Irrtums“, der der Schlangensymbolik zugrunde liegt. Überhaupt teilte er nicht die Ansicht mancher seiner Zeitgenossen, dass hierbei böse Geister im Spiel gewesen wären:

Die Geister Gottes, der falschen Propheten und des Antichristen werden [in Joh 1,4] eindeutig nicht für irgendwelche echten Geister gehalten, sondern für die guten oder bösen Neigungen und wahren oder falschen Überzeugungen der Menschen; und die Geister aller Menschen, die nicht bekennen, dass Jesus Christus leibhaftig gekommen ist, werden singulär der Geist des Antichristen genannt, und es wird gesagt, dass sie in die Welt kommen, als ob es ein böser Geist wäre, der darin herrschen und alle Anhänger des Antichristen verführen sollte. Und ein solcher böser Geist ist der Drache in den Apokalypse.“[8] (Newton, Yahuda MS 9.1, fol. 19v)

Der Drache der Offenbarung war für Newton also ein Trugbild, kein Geistwesen. Und so hatte sich Satan für Newton irgendwann in den 1680er Jahre für Newton von einem Engel der Finsternis in ein Symbol für den Geist des Irrtums verwandelt. Newtons Ansichten über Dämonen folgen einem ähnlichen Muster. Die traditionelle christliche Auffassung von Dämonen besagt, dass sie gefallene Engel sind, die dem obersten gefallenen Engel, Satan, untergeordnet sind. Nicht so bei Newton! Der verwarf die Realität von Dämonen:

„Aus dieser Denkweise, Schlangen für Geister und Geister oder Dämonen für Geisteskrankheiten zu halten, resultierte die verbreitete Vorstellung der Juden und anderer östlicher Nationen, dass Wahnsinnige und Irre von bösen Geistern oder Dämonen besessen seien. Daher scheint Christus diese Sprache nicht nur als Prophet benutzt zu haben, sondern auch in Übereinstimmung mit der jüdischen Sichtweise: wenn also von ihm gesagt wird, er treibe Teufel aus, kann man in dieser Formulierung nicht erkennen, dass diese Teufel nichts anderes als Krankheiten sind, es sei denn, es kann durch die Umstände bewiesen werden, dass sie reale Geistwesen sind.“ [9] (Newton, Yahuda MS 9.1, fol. 21v)

Dämonen waren daher für Newton, in heutiger Sprache ausgedrückt, bloße Erklärungsmuster für seelische Störungen. Im Grunde zeigte er sich hier erstaunlich modern. Die Fälle von Dämonenbesessenheit in den synoptischen Evangelien beschreiben für ihn nicht das Wirken buchstäblicher Teufel, sondern spiegeln den (falschen) Glauben der Juden im ersten Jahrhundert wider. In einem Brief an John Locke schrieb er am 3.5.1692, dass die Rede von der Dämonenaustreibung „was ye language of ye ancients for curing Lunatics.“ [die Ausdrucksweise der Altvorderen für die Heilung von Verrückten war]

Newton war der Auffassung, dass die Abkehr vom Teufel gleichbedeutend war mit der Ablehnung falscher Götter und „aller Arten von Götzendienst“. Vor diesem Hintergrund lehnte er jeglichen Glauben an Hexen und Hexerei entschieden ab. So heißt es im genannten Manuskript:

(…) to beleive that men or weomen can really divine, charm, inchant, bewitch or converse with spirits is a superstition of the same nature wth beleiving that the idols of the gentils were not vanities but had spirits really seated in them.“ [(…) zu glauben, dass Männer oder Frauen wirklich göttlich sein können, bezaubern, verzaubern, verhexen oder mit Geistern sprechen können, ist ein Aberglaube der gleichen Art wie zu glauben, dass die Götzen der Heiden keine Einbildungen waren, sondern wirklich Geister in ihnen saßen.]

Von Joseph Mede übernahm Newton, dass das kirchlich-orthodoxe Verständnis von Dämonen eine frühe, aus dem Heidentum importierte Irrlehre war. Mede hatte den Genitiv in der Formulierung „Lehren der Teufel“ in 1Tim 4,1 als objektiv und nicht als subjektiv interpretiert, und folgerte daraus, dass sich der Apostel Paulus in dieser wichtigen Prophezeiung über den Anstieg des christlichen Glaubensabfalls eher auf Lehren über Dämonen als auf Lehren, die von Dämonen stammen, bezog. Anhand historischer und philologischer Belege aus der klassischen Antike wies er nach, dass die daimonia (geringere Gottheiten) der Heiden die falschen Götter der Bibel waren.

Newton schloss daraus, dass der Glaube an das Wirken böser Geister gleichbedeutend sei mit der Überzeugung, dass die falschen Götter oder Götzen der Heiden reale, unabhängige Wesen waren. Beide Positionen hielt er für falsch. Newtons Position zur Realität von Götzen ist eindeutig. In einem Bibel-Manuskript erklärt er unumwunden: „An Idol is nothing in the world, a vanity, a lye, a fictitious power.” [Ein Götze ist nichts in der Welt, eine Eitelkeit, eine Lüge, eine fiktive Macht.] (Keynes MS 7, S. 2) Newton identifizierte zwar ähnlich wie die traditionelle Exegese die falschen Götter des Alten Testaments mit Dämonen. Aber er kam zu dem Schluss, dass weder Dämonen noch Götzen real existierten. Hätte er das öffentlich getan, wäre ihm der Vorwurf der Häresie gemacht worden.

Anscheinend hat Newton auch für den Rest seines Lebens an dieser Position festgehalten, das die Rede vom Teufel nicht wörtlich zu verstehen sei. In seinen späteren Schriften wurde der Teufel zum Sinnbild der Sünde und des Widerstands gegen den wahren Gott. Der Teufel in der Heiligen Schrift war nach Newton niemals das übernatürliche böse Wesen, das die orthodoxe Theologie in ihm sah. In seinem Irenicum (Keynes MS 3), das er wahrscheinlich irgendwann nach 1710 verfasste, hat Newton die Bedeutung der Abkehr vom Teufel auf höchst aufschlussreiche Weise eingegrenzt: „To forsake the Devil is to forsake the worship of Demons or Ghosts & of all fals Gods whatsoever collectively called the Devil.“ [Dem Teufel abzuschwören bedeutet, die Anbetung von Dämonen oder Geistern und aller falschen Götter, die man kollektiv den Teufel nennt, abzuschwören.] (Keynes MS 6, fol. 1r) Der „Teufel“ ist also ein Symbol der Lust und eine anschauliche Hypostasierung des Götzendienstes in seiner Gesamtheit.

Deshalb glaubte er auch nicht an Hexen, denn die logische Folge seiner Ansichten über böse Geister war, dass diejenigen, die behaupten, von einem persönlichen Teufel versucht zu werden, von ihrer eigenen „fleischlichen“ Phantasie getäuscht und provoziert werden. Deutlich wird das in seinem Manuskript Paradoxical questions concerning Athanasius (1690), wo er – mit deutlich autobiographischen Zügen – das Problem der Lust ohne jeden Bezug auf einen existierenden äußeren Versucher angeht. Newton kannte die Quelle der Sünde aus seinen eigenen Kämpfen mit den inneren Dämonen sehr gut. Es war nicht irgendein Satan, der ihn verleitete. Der Widersacher waren stets die eigenen Dämonen, die drei verderblichen Lüste, so wie sie bei 1Joh 2,16 beschrieben wurden (des Fleisches Lust und der Augen Lust und „hoffärtiges Leben“).

Da fällt dann bestimmt dem einen oder anderen gleich wieder der Maleus maleficarum, der Hexenhammer ein. Obwohl einst ein Bestseller mit 30 Auflagen, war das Buch zu Newtons Zeiten bereits ein Anachronismus, ganz besonders in England, wo es nie so recht Verbreitung fand. Aber Newton hätte mit diesem perfiden Machwerk des Dominikaners und erfolglosen Inquisitors Heinrich Kramer (latinisiert: Institoris) vermutlich auch wenig anfangen können. Denn dem ging es in erster Linie um „Beweise“ für die Mitwirkung des Satans an der Hexerei, die nicht selten eine kaum verhüllte sexuelle Konnotation hatte. (dazu mehr im lesenswerten Vorwort zur Neuausgabe des lateinischen Textes im Olms Verlag 1992)

Ähnliches gilt auch für ein weniger bekanntes Werk, die Practica Inquisitionis Heretice Pravitatis von Kramers Ordensbruders Bernhard Guy, den die meisten wohl als Bernardo Guy aus Umberto Ecos Name des Rose kennen.[10]

Übrigens kann nicht einmal der Hexenhammer herhalten für die im Gefolge der Frauenbewegung der 1970er Jahre aufgeworfene romantische Deutung, bei der Hexenverfolgung sei es vor allem um die Vernichtung der „weisen Frauen“ oder noch profaner: der Hebammen gegangen. Zwar wird ausdrücklich vor den „Hexen-Hebammen“ gewarnt, „die Empfängnis im Mutterleibe auf verschiedene Weisen verhindern, auch Fehlgeburten bewirken“ oder gar „die Neugeborenen den Dämonen opfern[11], doch werden im selben Buch diese monströsen Phantasien dazu genutzt, um für eine Art Professionalisierung in Form amtlich vereidigter Hebammen zu werben, deren Wirken geprüft und kontrolliert werden könne. „Nebenbei werden hierher auch die Hexenhebammen  gezählt, die alle anderen Hexen an Schadtaten übertreffen“. Da „kein Dörfchen existiert, wo derartige sich nicht finden“, rät der Hexenhammer: „Dieser Gefahr wäre in jedem Fall von den Präsidenten im Lande zu begegnen, dass ausschließlich vereidigte Hebammen von den Präsidenten bestallt würden“.[12]

Während auf dem Kontinent die Hexen als Angehörige einer teufelsanbetenden Sekte und demnach auch wegen Häresie verfolgt wurden, standen übrigens in England und Schottland witches lediglich als herkömmliche Kriminelle vor Gericht. Sie galten als Einzelpersonen, die mit magischen Mitteln anderen Personen Schaden zufügten. Da sie nicht als Teil bzw. Mitglied einer häretischen Sekte betrachtet wurde, war es AUCH nicht erforderlich, möglichst viele Mithexen herauszufinden. Genau das passierte aber auf dem Kontinent, wobei es vor allem in Frankreich fast mehr Männer als Frauen waren, in Deutschland immerhin noch ein Viertel männliche Delinquenten. Auf diese Weise wurden ganze Sippen und Dörfer ausgerottet. Das hing natürlich auch mit den exzessiven Folterpraktiken zusammen. Beispiele dafür findet man reichlich in Soldan/Heppes beiden Bänden Geschichte der Hexenprozesse[13] oder in Grigulevičs Geschichte der Inquisition[14]. Noch viel interessanter freilich in den sorgfältig dokumentierten Feldstudien etwa von Carlo Ginzburg über die Verfolgung der Benandanti in 16. u. 17. Jh.[15] oder Emmanuel LeRoy Laduries bahnbrechender Studie „Montaillou – ein Dorf vor dem Inquisitor“.[16]

Übrigens wurde etwa in England die zum Tode verurteilte Hexe gehenkt und nicht bei lebendigem Leibe verbrannt. Zudem galt auch der Einsatz der Folter in England als widerrechtlich und deshalb war und blieb sie auch verboten. Es wurden auch mehr Delinquenten freigesprochen als tatsächlich verurteilt. Die Anzahl der Todesopfer der englischen Hexenprozesse insgesamt vermutlich auf knapp an die Tausend, das erste unter Queen Elizabeth I. Das dafür erforderliche »Gesetz gegen Beschwörungen, Bezauberungen und Hexereien«, das das Parlament 1563 verabschiedete, erwähnte weder Ausdrücke wie »Hexensabbat« noch »Teufelsbündnis« noch wird irgendwo die Gleichsetzung der Hexe mit dem weiblichen Geschlecht thematisiert.

Im Verlauf der 45jährigen Regierungszeit Elisabeths (1558 – 1603), wurde urkundlich festgehalten, dass es zu insgesamt 535 strafrechtlichen Verfolgungen wegen Hexerei bzw. Anklagen und zu 82 Exekutionen kam.[17] Die Anzahl der Einwohner Englands zu dieser Zeit belief sich damals immerhin auf zwei bis drei Millionen Menschen. In Schottland war zwar die Anwendung der Folter durchaus gebräuchlich, aber auch da wurden nur ein Viertel aller Angeklagten tatsächlich hingerichtet.

Während etwa die sog. Wasserprobe keineswegs von der Inquisition erfunden worden war, sondern ein archaisches Element der Rechtsfindung durch Gottesurteil darstellt, gilt dies übrigens nicht für die sog. »Nadelprobe«.

Die kannte man vor Roger Cormans genialen B-Filmen für seine Hammer Productions auf dem Kontinent nämlich überhaupt nicht, wohl aber auf den britischen Inseln!  Denn da gab es noch eine Besonderheit: Viele Zeugen der Hexenprozesse in England und Schottland waren Minderjährige, Kinder, deren Aussagen bei Gerichtsverhandlungen eine entscheidende Rolle spielten – mit fatalen Folgen. Meist ging es um die Beschwörung von Hausgeistern (»familiars«), die für die Hexengerichte von besonderer Bedeutung waren: Diese frechen Goblins nahmen nämlich mit Vorliebe das Aussehen kleiner Haustiere an oder auch das von Kröten und Mäusen. Kennen wir doch alles aus Harry Potter-  und das manchmal nur in der Einbildung boshafter Kinder! Damals ging man davon aus, dass die englischen Hexen solche bösen Geister in Tiergestalt mit ihrem Blut ernährten. Um dies auch nachweisen zu können, wurde in diesem Zusammenhang die Nadelprobe als gebräuchlichste Foltermethode eingesetzt. Dabei wurde der Körper der Beschuldigten genauestens auf Muttermale, Warzen, Pusteln oder sonstige auffällige Stellen untersucht, denn diese galten nun als Beweis dafür, dass eben genau an diesen die »imps« oder »familiars« angelegt und gesäugt wurden. Das kann man auch bei Baschwitz nachlesen (S. 251f).

Und da sind wir noch gar nicht angelangt bei den lebensweltlichen Vorstellungen, wie sie in den Hexenkulten, die es ja tatsächlich gegeben hat, zum Ausdruck kommen. Hier wäre eine ganze Welt zu entdecken, ohne dass man deshalb bei Murrays und Peuckerts Selbstversuchen aus den 20er Jahren mit psychedelisch wirkenden Flugsalben der Hexen stehen bleiben müsste. Aber das ist, wie Moustache in Billy Wilders Irma La Douce zu sagen pflegte, „eine andere Geschichte“. Wer sich dafür interessiert, dem kann ich nur wärmstens das Buch Traumzeit vom Ethnologen Hans-Peter Duerr empfehlen, dem ungekrönten Meister der Fußnote.[18] Es gibt kaum etwas Besseres.

 

Siehe auch folgende Beiträge:

Mythen der europäischen Hexenverfolgung

Jüngste Entwicklungen in der Erforschung der Europäischen Hexenverfolgung

 

Anmerkungen 

 

 

[1] zit. nach Jed Z. Buchwald & Mordechai Feingold:  Newton and the Origin of Civilization. Princeton: Princeton University Press 2013, S. 1. Der bibliophile Zionist Abraham Yahuda (1877–1951) war Professor für semitische Sprache an der Jerusalemer Universität.

[2] Zu Newtons religiösen Überzeugungen vgl. z.B. Stephen D. Snobelen: The Theology of Isaac Newton’s Principia Mathematica: A Preliminary Survey. In: Neue Zeitschrift für Systematische Theologie und Religionsphilosophie, 52 (2010). Beweise für Newtons Anti-Trinitarismus finden sich in seiner Korrespondenz (z.B. mit dem ähnlich denkenden John Locke oder Newtons Nachfolger auf dem Lucasischen Lehrstuhl in Cambridge, William Whiston, der später wegen des Vorwurfs der Häresie sogar seine Professur verlor), aber auch in einer umfangreichen 550-seitigen Abhandlung über das Buch der Offenbarung, die Newton in der Mitte der 1670er Jahre, also noch vor der Abfassung seiner Principia, zu schreiben begonnen zu haben scheint. Das Manuskript befindet sich laut Snobelen (a.a.O., S. 390) in der National Library of Israel (Yahuda MS 1).

[3] “Newton was not the first of the age of reason. He was the last of the magicians, the last of the Babylonians and Sumerians, the last great mind which looked out on the visible and  intellectual world with the same eyes as those who began to build our intellectual inheritance rather less than 10,000 years ago. Isaac Newton, a posthumous child born with no father on Christmas Day, 1642, was the last wonder-child to whom the Magi could do sincere and appropriate homage.“ (John Maynard Keynes: Newton, the Man. In: ders.: Essays in Biography. London-New York: Palgrave MacMillan 2012, S.363f)

[4] a.a.O., S. 404

[5] a.a.O., S. 378

[6] Joseph Mede: The Key of the Revelation, Searched and Demonstrated out of the Naturall and Proper Charecters of the Visions. London (1643)

[7] William Whiston: An Essay on the Revelation of St. John, so far as concerns the Past and Present Times. London (1744)

[8] “The spirits of God of fals Prophets & of Antichrist are [in 1 John 4] plainly taken not for any substantial Spirits but for ye good or evil dispositions & true or fals perswasions of mens minds; & the spirits of all men who confess not that Jesus Christ is come in the flesh is called in the singular number the spirit of Antichrist, & said to be come into the world as if it were an evil spirit wch was to reign therein & deceive all the followers of Antichrist. And such an evil spirit is the Dragon in the Apocalyps.” (Dieses und die folgenden Zitate entnehme ich Stephen Snobelens Studie Lust, Pride, And Ambition: Isaac Newton And The Devil (2002)

[9] “From this figure of putting serpents for spirits & spirits or Daemons for distempers of ye mind, came ye vulgar opinion of ye Jews & other eastern nations that mad men & lunaticks were possessed with evil spirits or Daemons. Whence Christ seems to have used this language not only as Prophet but also in compliance wth ye Jews way of speaking: so yt when he is said to cast out Devils it cannot be known by this phra those Devils may be nothing but diseases unles it can be proved by the circumstances that they are sp substantial spirits.“

[10] Bernardus Guidonis: Das Buch der Inquisition. Nachdruck Augsburg 1999

[11] Jakob Sprenger, Heinrich Institoris: Der Hexenhammer (Maleus Maleficarum). München (1982); S. 157ff

[12] a.a.O., S.211f

[13] Wilhelm G. Soldan & Heinrich Heppe: Geschichte der Hexenprozesse. 2 Bde. Hanau 1968

[14] Josif R. Grigulevič: Ketzer – Hexen – Inquisitoren. Teil 1 und 2. Geschichte der Inquisition (13.-20.Jahrhundert) (1980)

[15] Carlo Ginzburg. Die Benandanti. Feldkulte und Hexenwesen im 16. Und 17. Jahrhundert. Frankfurt (1980)

[16] Emmanuel LeRoy Ladurie: Montaillou – ein Dorf vor dem Inquisitor. Frankfurt-Berlin-Wien 1983

[17] Kurt Baschwitz: Hexen und Hexenprozesse – Die Geschichte eines Massenwahn und seiner Bekämpfung (1990)

[18] Hans-Peter Duerr: Traumzeit. Über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation. Frankfurt (1978)

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