Theologie

Zu Leo Baecks „Der Glaube des Paulus“

62116510[1]In den letzten Weihnachtsferien las ich den ersten Band der Josephus-Trilogie von Lion Feuchtwanger. Vor Jahren hatte meine Tochter unter unseren Büchern Lion Feuchtwanger für sich entdeckt und ist ein absoluter Fan seiner Romane geblieben. Letztens habe ich mir meinerseits dann von ihr die Josephus-Trilogie ausgeliehen. Leider ist es mir bei historischen Themen nur selten möglich, einfach nur den Roman zu lesen, weil ich es viel zu spannend finde, frei nach Ranke herauszufinden, wie es wirklich gewesen ist. Da gottseidank meine ‚Abteilung’ Judentum gut gefüllt ist, habe ich mich schnell festgelesen in Flavius Josephus’ „Der Jüdische Krieg“ und war erstaunt festzustellen, wie – manchmal subtil, manchmal einschneidend – der linksbürgerliche Feuchtwanger den historischen Josephus und z.T. auch seine Zeitgenossen umdeutete, vielleicht auch, um dem 1941 im Exil entstandenen Roman eine zeitgenössische Note zu verleihen. Noch weniger gut weg kam Josephus freilich bei den jüdis chen Historikern, denen er als gewissenloser Wendehals galt[1], der seinen Aufstieg unter Nero (dessen Frau Poppaea hatte wohl einen Narren an ihm gefressen) und später Vespasian dem Verrat am jüdischen Volk verdankt. Die Verfasser der historischen Grundlagenwerke – sowohl der zionistische Autodidakt Simon Dubnow[2] als auch der Historiker Heinrich Graetz[3] – lassen kaum ein gutes Haar an Josephus.

Viel mehr fesselte mich dann aber in Graetz‘ „Volkstümlicher Geschichte der Juden“ das Kapitel über das Judäisch-hellenistische Schrifttum in den 40er Jahren des ersten Jahrhunderts. Graetz zeigt anhand einer Fülle von Belegen, wie sich im zeitgenössischen griechisch-römischen Schrifttum die allmähliche Umdeutung des Judentums, die Hinwendung zur monotheistischen Religion unter Einbeziehung jüdischen Gedankengutes und die Neubewertung des Proselytenmachens[4] entwickelte. Philosophisch wurde hier der Boden bereitet für eine neue Religion, die wesentliche Bestandteile des Judentums aufnahm, ohne selbst noch jüdisch zu sein. Einen besonderen Anteil daran hatte natürlich auch das Johannes-Evangelium, dessen (griechischer!) Verfasser die philosophisch-theologischen Schriften von Jesu‘ Zeitgenossen Philo von Alexandria (er lebte von 25 v. bis 50 n. Chr.)[5] sowie den im gesamten damaligen Mittelmeerraum herrschenden Kult des (Wein-)Gottes Dionysos dazu nutzt, Jesus gottgleich zu erhöhen und damit an die Stelle von Dionysos zu setzen. Der Bochumer Theologe Peter Wick hat vor einigen Jahren die beeindruckenden Parallelen zwischen Jesus und Dionysos im Johannes-Evangelium kenntnisreich herausgearbeitet.[6]0019[1]

In diesen Zusammenhang gehört die Klage gegen den Griechen Stephanos, einen der sieben Diakone der hellenistischen Fraktion der Urgemeinde, die vor dem Synedrium[7] vorgebracht  worden war. Über die konkrete Gestalt der Urgemeinde wissen wir sehr wenig, da die Berichte der Apostelgeschichte ein ideales Bild zeichnen. Es kann aber als ziemlich sicher gelten, dass die Jerusalemer Gemeinde zunächst nur aus Judenchristen bestand. Nach Apg 6,1 hat es in ihr sowohl eine aramäischsprechende (die „Hebräer“) als auch eine griechischsprechende (die „Hellenisten“) Gruppe gegeben. Die „Hellenisten“ waren allem Anschein nach ein eigenständiger, analog zu den landsmannschaftlichen Synagogenverbänden organisierter Kreis in der Urgemeinde. Die Anklage gegen Stephanos (Apg 6,11.13f.) macht wahrscheinlich, dass die Hellenisten das jüdische Gesetz für Christen als nicht mehr verbindlich erachteten.

Der von Lukas, dem mutmaßlichen ‚Redakteur‘ der Apostelgeschichte, bewusst heruntergespielte Konflikt zwischen Hebräern und Hellenisten und die Verfolgung, der Stephanos zum Opfer fällt und die zur Vertreibung der Hellenisten aus Jerusalem führt, zeigen, dass diese Gruppe eigene Wege ging. Zwar hat Lukas, einer der engsten Mitstreiter des Paulus, die Anklage gegen Stephanos als erlogen bezeichnet, aber das stimmte ja so ganz auch wiederum nicht. Der Tendenz nach vielleicht, doch die Apostelgeschichte gebraucht hier sehr präzise das Futur. Stephanos’ angebliche Blasphemie bestand ja pikanterweise darin, dass er die Entwertung der Tempelopfer und die Verwerfung des jüdischen Gesetzes nicht für aktuell geboten erklärte, dass er also nicht zur Zerschlagung der durch das jüdische Gesetz begründeten Ordnung aufrief, sondern vielmehr prophezeite, dass der als Messias wiederkehrende Christus dieses vollziehen würde. Im Grunde hat er sich ebenso wie – allerdings erst nach seiner „Erleuchtung“ – Paulus nur auf die Drei-Epochen-Lehre[8] bezogen, wonach sich mit dem Erscheinen des Messias die Epoche der Thora vollendet und das Gesetz sich erfüllt hat. Das reichte aber den gesetzestreuen Pharisäern (unter ihnen der Diasporajude und Pharisäer Saulus!) völlig aus, um seine Steinigung durchzusetzen. Tertullians späteres Diktum, die Synagogen der Diaspora seinen die „fontes persecutionem“, also die ersten „Anstifter der Verfolgung“ gewesen, findet hier eine frühe Entsprechung. Die Verfolgung der frühen Christen geschah zunächst aus den eigenen Reihen.

Die Apostelgeschichte berichtet, dass Paulus gemeinsam mit dem Leviten José Barnabas von Cypern, einem Mitbegründer der Jerusalemer Urgemeinde, der für ihn als hellenischen Außenstehenden bis zu ihrem Bruch Vermittler und Bindeglied zu den Aposteln darstellte, die Führung der nach Antiochia versprengten Stephanos-Anhänger (den wohl ersten echten Heidenmissionaren) übernommen hatte. Hier, in Antiochia, Syrien und Cicilien entstanden die sog. „Christianer“ oder „Chresten“, Gemeinden, die mehrheitlich aus Heidenchristen, also unbeschnittenen Konvertiten, bestanden. Die Heidenchristen Antiochias hielten sich nicht an die Halacha[9], die 613 Mizwot[10] galten für sie nicht, weil sie keine Juden waren. Eine ethische und allegorische Umdeutung der Halacha, die nicht unbedingt auch die Ansicht des Paulus war, war offenbar bereits weit verbreitet und auch keineswegs von den Heidenchristen erfunden. Andererseits trachteten sie danach, es sich mit der Jerusalemer Urgemeinde nicht zu verderben. So schickte die Stadtgemeinde Antiochia, wie in der Apostelgeschichte[11] nachzulesen ist, während der Hungersnot unter Kaiser Claudius eine Spende nach Jerusalem.

Leo Baeck
Leo Baeck

Während Leo Baeck Paulus für gut vertraut mit dem rabbinischen Schrifttum hält, wobei er dessen Selbstdarstellung nicht weiter hinterfragt, hat Heinrich Graetz für Paulus nur ätzende Kommentare übrig: „Schwach an Körper und kränklich, verband er damit eine Zähigkeit, die vor keinem Hindernisse zurückwich. Er hatte nur wenig Kenntnis vom judäischen Schrifttum und kannte die heilige Schrift nur aus der griechischen Übersetzung. Zu den Füßen Gamaliels[12] hatte er keineswegs gesessen, sonst hätte er mehr Gesetzeskunde und mehr Milde von ihm gelernt; er war wohl von Winkelgelehrten in Tarsus unterrichtet worden.“[13] Seine von Epiphanien begleitete Wandlung vom Christenverfolger zum Gläubigen sei vor allem durch den Übertritt des adiabenischen[14] Königshauses bewirkt worden, also die Bekehrung des Prinzen und der Königin, deren gräzisierten Namen Josephus, der ihren Triumphzug nach Jerusalem und dann auch Damaskus um 43 ansetzt, als Helena[15] angibt. Dies habe, so Graetz, einen tiefen Eindruck auf Paulus hinterlassen. Ganz so falsch dürfte Heinrich Graetz da gar nicht gelegen haben, denn Paulus war sicher kein Religionsgelehrter und zeigte bis in den Sprachduktus hinein, dass er sowohl einem anderen Kulturkreis auch als anderen Lebensverhältnissen als Jesus selbst kam. Während letzterer ebenso wie seine Jünger einem ländlich geprägten Umfeld entstammte, also einer traditionell illiteralen Kultur, deren Überlieferung weitgehend mündlich erfolgte, war Paulus der Sohn einer wohlhabenden Bürgerfamilie aus Tarsus, einer bedeutenden Handelsstadt, und besaß vermutlich auch römische Bürgerrechte. Jesu Gleichnisse spiegeln die Metaphorik seiner durch die aramäische Sprache geprägten Lebenswelt – einer Welt von Hirten, Handwerkern, Bauern und Fischern. Der Wanderprediger Jesus lebte und wirkte in einer armen kleinen Welt. Dagegen wird Paulus` Bildersprache von der griechischen Polis geprägt, von Handel, Tausch und Schulden. Pars pro toto seien hier nur zwei Beispiele für die paulinische Wortwahl genannt: Im Römerbrief ist das fleischliche Dasein „verkauft unter die Sünde“ (Röm 7,14). Oder an anderer Stelle: „Dem, der Werke tut, wird der Lohn nicht aus Gnade angerechnet, sondern weil er ihm zusteht.“ Der griechische Text spricht sogar noch deutlicher von kata opheilêma, von einer „geschuldeten Summe“. (Röm 4,4)

Was Leo Baeck in seiner Studie „Der Glaube des Paulus“ philosophisch-theologisch aus jüdischer Sicht klar herausarbeitet, hat lange vor ihm der Historiker Adolf von Harnack u.a. in seinem 1924 erschienenen Werk „Mission und Ausbreitung des Christentums“ historisch und geistesgeschichtlich materialreich begründet: Das Christentum war schon in früher Zeit nicht einfach eine Strömung innerhalb der jüdischen Religion, sondern transzendierte diese auf ganz bestimmte Weise. Paulus’ Vermächtnis ist nicht die weltumspannende Erfolgsgeschichte eines früh verstorbenen jüdischen Predigers aus der rebellischen römischen Provinz, in der es damals mächtig gärte, sondern die Stiftung einer neuen Religion, für die die Zeit reif war. Und das gleich in mehrfacher Hinsicht!

  1. Durch die kulturelle und militärische Hegemonie des römischen Imperiums waren die Völker des Mittelmeerraumes nicht nur politisch vereinigt sondern auch in ihren Lebensbedingungen angepasst worden. Das römische Gesetz und die römische Bürokratie schufen eine bis dahin nicht bekannte Sicherheit im Reich, die freilich nicht ohne Spannungen erkauft worden war.
  2. Die Völkervielfalt und religiöse Toleranz innerhalb des Reiches war tendenziell ein Ferment der Dekomposition. Sie führte zu einer Durchmischung und Aufweichung kultureller und religiöser Formen und Inhalte, wobei auch der römische Götterglaube nicht unangetastet blieb. Besonderen Einfluss hatte bis ins 2. Jh. hinein die fortschreitende Hellenisierung der Kultur, deren Wirkungsmacht gar nicht überschätzt werden kann.
  3. Die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, der Aufschwung des Handels durch gesicherte Handelswege mit vorzüglichen Straßen und Handelsstützpunkten wie auch der kulturelle Austausch förderten eine gewisse Demokratisierung, ein gewandeltes Menschenbild, das die spätere rasche Ausbreitung des Christentums begünstigte, ja geradezu ermöglichte. Die Behandlung der Sklaven wird milder. Plinius nennt sie seine „dienenden Freunde“, was noch für Cato undenkbar gewesen wäre. Die soziale Stellung der Freigelassenen verbessert sich zunehmend, der Handwerker wird zu einem ehrbaren Stand aufgewertet. Die zuvor völlige Rechtlosigkeit der Frauen oder auch der Kinder weicht zunehmend festen Regelungen. Die Kluft zwischen Arm und Reich verringert sich zwar nicht, doch wird sie gemildert durch Armenpflege, Stiftungen, Schenkungen etc.
  4. Der gesellschaftliche Wandel zu einer damals ‚weltumspannenden’ Monarchie mit einem Gottkaiser an der Spitze verlangte geradezu nach einer korrespondierenden universalen göttlichen Monarchie. Das sahen auch die frühen Kirchenväter so. In typischer Umdeutung der realen Verhältnisse schrieb damals Origines in Bezug auf die Aussendung: „In Jesu Tagen ging die Gerechtigkeit auf und die Fülle des Friedens; sie begann mit seiner Geburt. Gott bereitete die Völker auf seine Lehre vor und machte, dass der römische Kaiser die ganze Welt beherrschte. Es sollte nicht mehr Reiche geben, sonst wären ja die Völker einander fremd geblieben und der Vollzug des Auftrags Jesu: Gehet hin und lehret alle Völker, den er den Aposteln gab, schwieriger gewesen.“ [16]
  5. Die oft städtischen Gemeinden der Diasporajuden hatten sich zum Teil auch ideologisch weit von der Gesetzesgläubigkeit im Kernland der Israeliten entfernt. Mit der Zunahme der Proselyten, die manche Gemeinde majorisierten, veränderte sich das Verhältnis zur Halacha einerseits, andererseits drang nichtjüdisches Gedankengut in Glauben, Schrifttum und die kultischen Handlungen ein. So beschreibt Josephus die Situation in Antiochia so: „Die Juden zogen fortwährend eine große Menge Griechen zu ihren Gottesdiensten heran und machten sie in gewissem Maße zu einem Bestandteil ihrer selbst“. Gottesfürchtig wurde die Mehrzahl der so gewonnenen Heiden, doch beschnitten wurde kaum jemand. Als wesentliches Aufnahmeritual galt vielmehr das Taufbad.[17]
  6. Auch in Palästina selbst wetteiferten unter den Pharisäern die beiden großen jüdischen Schulen Hilles und Schammais[18] miteinander. Hillel, der im Jahre 9 n. Chr. gestorben war, sah die Eckpfeiler der jüdischen Religion zum Einen im Bekenntnis zum einzigen Gott, wie er in Deut. 6,4 (Höre Israel, …)[19] zum Ausdruck kommt, zum Anderen in der Forderung nach unbedingter Nächstenliebe, wie sie im Paraschath Acharej-Kedoschim, einem Wochenabschnitt der Thora, beschrieben wird. Bei Schammai stand die strikte Observanz im Vordergrund. Es gibt eine schöne Geschichte aus der Mischna, die das Verhältnis der beiden Schulen illustriert:
    Es ereignete sich, dass ein Nichtjude vor Schammai trat und zu ihm sprach: „Mache mich zum Proselyten unter der Bedingung, dass du mich die ganze Thora lehrst, während ich auf einem Fuß stehe“. Da stieß er ihn fort mit der Elle, die er in der Hand hatte. Darauf kam er zu Hillel, und dieser machte ihn zum Proselyten und sprach zu ihm: „Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Tora, und alles andere ist nur Kommentar.“ (Sabbat 31a)

    Die Schule Schammais legte das Hauptaugenmerk auf den Unterschied zwischen Juden und Ungläubigen. Nur die Juden waren auserwählt, weil es nur ihnen auferlegt war, sich strikt an die Halacha zu halten und die 365 Gebote und 248 Verbote einzuhalten. Sie fühlte sich allein der Verkündung des einen Gottes und des Gesetzes verpflichtet. Für sie konnte ein Proselyt in der ersten Generation kein wahrer Jude werden, weil er nicht jüdischen Blutes war. Und deshalb blieb für sie der Rang des Proselyten vor Gott immer dem ‚echten‘ Juden untergeordnet. Die drei synoptischen Evangelien machen unmissverständlich klar, welcher Richtung Jesus zuneigte. Als Jesus vom Schriftgelehrten gefragt wird, welches das erste von allen Geboten sei, so antwortet er dem Markus-Evangelium[20] zufolge mit dem Sch’ma Israel und fügt hinzu, das zweite sei: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Etwas Größeres gebe es nicht. Worauf ihn der Schriftgelehrte mit „Rabbi“ anspricht und ergänzt, das Gebot der Nächstenliebe sei wichtiger als alle Schlachtopfer.
  1. Paradoxerweise war es gerade die gewaltsame Durchsetzung des römischen Gesetzes und damit das römische Hegemonialreich selbst, das der Schule Schammais im Kernland zum Sieg verhalf und zugleich die durch die Gemeinden in der Diaspora in Grunde schon vorbereitete Judenmission verhinderte. Die zunehmende Radikalisierung in Galiläa, der Kampf der Zeloten gegen die Fremdherrschaft, der 72 n. Chr. in der Eroberung Jerusalems und der Zerstörung des Tempels kulminierte, führte zu einer zunehmenden Rückbesinnung auf die jüdische Identität und damit auf die Halacha in ihrer strengsten Form. Grundsätzlich war zwar auch die Schammai-Richtung der Heidenmission aufgeschlossen, knüpfte aber an die Konversion so harsche Bedingungen, dass sie sie quasi ad absurdum führte.

Die vormals enge Welt der Kleinvölker hatte sich ungeheuer geweitet, war unter römischer Herrschaft zu einem Imperium geworden, mit einer gemeinsamen Sprache, einem gemeinsamen Verkehrsnetz, einer Kultur und einer unverkennbaren Entwicklung zum Monotheismus, die eigentlich der Heidenmission durch die jüdischen Diaspora-Gemeinden überall im römischen Weltreich zum Durchbruch hätte verhelfen müssen, wenn es nicht die jahrzehntelangen Auseinandersetzungen in Palästina gegeben hätte. So blieb das Judentum eine ‚nationale’ Religion, die sich zunehmend abschottete. (Man wählte das Ghetto, und daran hat sich, wenn man die Trennmauer zum Palästinensergebiet im heutigen Israel bei rechtem Licht betrachtet, bis heute nichts geändert.) Ernest Renan hat das so zusammengefasst: „Eine Generation von Fanatikern hat das Judentum seines Lohnes beraubt und es verhindert, die Ernte, die es bereitet hatte, einzusammeln.“ [21] In diese Lücke stieß die Christenmission, die sich dabei der überall im Reich vorhandenen jüdischen Gemeinden als Stützpunkte bedienen konnte. Sie konnte sich sozusagen ins gemachte Nest setzen. Dazu bedurfte es aber einer entscheidenden Bedingung: Der Aufhebung des Geltungsbereiches der Halacha. Denn nur, wenn der Monotheismus nicht mehr an die Vielzahl der strengen jüdischen Gesetze geknüpft war, konnte er sich erfolgreich und massenhaft bei den Nichtjuden durchsetzen.

Aber hatte nicht auch Jesus gefordert, dass am Gesetz kein Jota geändert werde[22]? Es war Paulus, der den gordischen Knoten durchschlug und damit den Siegeszug des Christentums einleitete. Und zwar dadurch, dass er unmissverständlich am jüdischen Gesetz festhielt, seine Geltung aber zugleich zeitlich begrenzte und aufhob. Zeitlebens ein gläubiger Jude, war er kein Apostat, der die Halacha – und sei es auch nur im Geringsten – entwerten wollte. Nur Gott war es gegeben, sie außer Kraft zu setzen. Paulus bekämpfte nicht das Gesetz, „sondern seine Gültigkeit in der ‚Gegenwart’“.[23] Denn nach jüdischer Auffassung gibt es drei Weltepochen, die einander ablösen: das Chaos, die Thora und die Zeit des Messias.

Da für Paulus Christus der Messias ist, sind die Epochen des Chaos und der Thora abgeschlossen, d. h. das jüdische Gesetz der Thora hat keine Bedeutung mehr. Für Paulus gilt also entweder noch das Gesetz oder aber schon die Erlösung durch das Anbrechen der messianischen Zeit. Andererseits beruhte für Paulus jeder Beweis seines Glaubens auf der hebräischen Bibel. Auch seine Denkweise und seine Vorstellungen waren von ihr geprägt. Das führte zum Widerspruch, dass Paulus zwar einerseits die Freiheit vom Judentum verkündete, selber aber am Studium der jüdischen Schriften festhielt.[24] Seine Nachfolger dagegen, die zum größten Teil keine Verbindung mehr zum Judentum hatten, konnten das Christentum von den jüdischen Elementen befreien. Bei ihnen also entstand, so Baeck, erst der reine Paulinismus. Baeck hält Paulus zugute, dass dieser noch die Glaubenden vor die Alternative des Glaubens oder der Ethik gestellt habe. Er selber habe sittlich-moralisch weiter im Judentum gelebt. In Paulus kämpften also noch beide Ideen miteinander. Da das Alte Testament in den christlichen Kanon aufgenommen wurde, konnte die messianische Idee nicht völlig verschwinden und lebte z. B. bei den Täufern und Calvinisten weiter. Später entwickelte die Kirche einen Kompromiss, in dem sie das sogenannte Alte mit dem Neuen Testament zusammen zum Kanon fügte. Damit wurde die hebräische Bibel gewissermaßen zum Korrektiv des Neuen Testaments.

Das Gesetz galt Paulus also als erfüllt, weil er in Jesus den Messias sah, auf den Generationen gläubiger Juden gewartet hatten. Indem Paulus Christi Tod am Kreuz nicht als das Ende eines außergewöhnlichen Menschen betrachtete, sondern ihn seiner Vision gemäß von den Toten auferstehen ließ, begründete er den neuen Glauben, dass mit Jesus der Sohn Gottes, der Heilsbringer, erschienen sei. Damit endet die Epoche der Thora, denn der „Gläubige lebt mitten in den Tagen der Verheißung, in den Tagen des Messias. Hier liegt der Kern und die Kraft seines (d.h. Paulus’) Glaubens.“[25] Der geborene Jude mag sich also auch als Christ beschneiden lassen und die Gesetze halten, wenn sie auch für seine Seligkeit belanglos geworden sind. Der geborene Heide darf es indes nicht, denn sonst wäre Christus ja umsonst gestorben.[26]

Insofern ist der Tod Jesu wichtiger als sein Leben. Es war auch nicht von Bedeutung, dass Paulus Jesus niemals kennengelernt hatte, galt doch nun die Auferstehung von den Toten und das Heilsbringertum als die zentrale Botschaft. Josef Ratzinger hat dies in wolkiger Sprache so ausgedrückt: „Der Königsthron Christi ist das Kreuz“.[27] In Bezug auf das Judentum ist Harnack da ein wenig drastischer: „Paulus zertrümmerte mit dem Kreuz Christi die Religion Israels.“ [28]

„Die Trennungslinie war klar: wer immer behauptete, dass das Gesetz noch bindend sei, war ein Ungläubiger, er glaubte nicht an die Gegenwart Christi. Die Wahl hieß: ‚Gesetz’ oder ‚Erlösung’“.[29] So wird auch deutlich, warum Paulus damit auch längst nicht mehr nur das Judenchristentum der Urgemeinden predigte, das sich weitgehend im erinnernden Herrenmahl, der Agape und der Armenspeisung (denn die nach außen propagierte Gütergemeinschaft scheiterte in der Praxis an den Standesunterschieden, die keineswegs aufgehoben wurden) erschöpfte. Paulus ging davon aus, dass das Christentum das Erbe der griechischen und orientalischen Religion übernommen habe. Er selbst stammte aus einem jüdischem Elternhaus, war aber durch seine kleinasiatische Herkunft hinreichend mit den Mysterienkulten vertraut. Mit dem jüdischen Messiasglauben verband er nun den Heiland der Mysterien, der damit zu Jesus Christus geworden war. In der jüdischen messianischen Gewissheit sah Paulus das Ziel der Suche der Heiden. Judentum und Christentum werden somit für ihn eins. So schaffte er laut Baeck eine Verbindung von Judentum und Mysterienkult und verlies damit das Judentum, wenn er auch das Jüdische nicht völlig abstreifen konnte. Auch wenn Paulus selbst fest davon überzeugt war, dass er innerhalb der jüdischen Sphäre war und blieb, durch die Verkündigung des auferstandenen Christus geriet er zwangsläufig in Konflikt mit der Jerusalemer Gemeinde. Doch zugleich schuf er damit die Grundlage für die universale Ausbreitung einer neuen Religion, die schon nach wenigen Jahrhunderten den Auserwähltheitsanspruch für sich reklamierte und für die Juden nur noch den Status der Gottesmörder übrig ließ.

Da er glaubte, zur Zeit der Erlösung zu leben, war für Paulus der Glaube alles. Dieser wiederum konnte seiner Meinung nach nicht einfach erworben werden wie im Judentum, sondern nur empfangen. Damit wird der Mensch zum Objekt des göttlichen Wirkens und hat keinen Einfluss auf seine Erlösung, denn die wahre Erkenntnis wird nach Paulus dem Menschen im Glauben geschenkt. Der Mensch ist nun am Ziel und nicht mehr auf dem Weg, wie noch im Judentum. Der Glaube fordert quasi die Aufgabe der Vernunft.

Da der Mensch aber nicht von der Stimmung alleine leben konnte, lag der Gedanke nahe, eine Möglichkeit zu finden, das Besondere zum Alltäglichen zu machen. An diese Stelle setzte Paulus das Sakrament. Auch diese Idee habe Paulus, so Baeck, von den Mysterienkulten übernommen. Die Sakramente brauchen Mittler, nämlich die Sakramentsdiener, und so wurde die Kirche zur Priesterkirche. An die Stelle des eigenen Glaubens trat der Glaubensgehorsam. Dazu bildete sich eine Hierarchie der Gläubigen heraus. Priestertum und Dogma gehören zusammen. Nicht mehr der Einzelne glaubt, sondern die Kirche. Die jüdische Hoffnung, dass in der zukünftigen Zeit Gottes Geist in den Herzen der Menschen wohne und damit jedes Gesetz unnötig sei und aufhöre, hielt Paulus bereits für erfüllt, denn mit Christus sei die messianische Zeit bereits angebrochen.

Ernest Renan
Ernest Renan

„Das Mittelländische Meer war seit einem Jahrtausend die Straße, wo sich alle Zivilisationsabsichten und alle Ideen kreuzten. Nachdem die Römer es von den Piraten befreit hatten, war es zu einem unvergleichlichen Verkehrsmittel geworden. (…) Die verhältnismäßige Sicherheit der Straßen im Reiche, die Bürgschaft, welche die Staatsgewalt bot, die Verbreitung der Juden über das ganze Küstengebiet des Mittelmeeres, die allgemeine Benutzung der griechischen Sprache in dem östlichen Teil des Seegebietes (Cicero, Pro Archia 10), die gleichmäßige Zivilisation, die erst die Griechen, dann die Römer hier geschaffen hatten – dies alles machte aus der Landkarte des Reiches auch die Karte der Länder, die für die christlichen Missionen reserviert und für das Christentum bestimmt waren. Der römische ‚Orbis’ wurde der christliche ‚Orbis’; und in diesem Sinne kann man sagen, dass die Gründer des Reiches auch die Gründer der christlichen Monarchie gewesen sind, oder wenigstens doch deren Umrisse vorgezeichnet haben. Jede vom römischen Reich eroberte Provinz war auch eine vom Christentum eroberte Provinz. Man stelle sich die Apostel vor, gegenüber einem Kleinasien, Griechenland, einem in hundert kleine Republiken geteilten Italien, einem Gallien, Spanien, Afrika, einem im Besitze alter nationaler Institutionen befindlichen Ägypten – und man wird sich ihren Erfolg nicht vorstellen können, oder vielmehr man wird sich nicht vorstellen können, dass ihr Projekt je entstehen konnte. Die Einheit des Reiches war die nötige Vorbedingung des großen religiösen Proselytismus, der sich über die Nationalität fortsetzen wollte. Das Reich fühlte das im vierten Jahrhundert, es wurde christlich. Es sah, dass das Christentum die Religion sei, welche es unbewusst geschaffen hatte, die Religion, die durch seine Grenzen bestimmt wurde, die sich mit ihm identifizierte und ihm ein zweites Leben verschaffen konnte. Die Kirche dagegen wurde ganz römisch und blieb bis auf unsere Tage gleichsam ein Überrest des Reiches. Hätte man Paulus gesagt, Claudius sei sein erster Mitarbeiter; hätte man Claudius gesagt, dass dieser von Antiochien ausgehende Jude den Grund zu dem dauerhaftesten Teil des kaiserlichen Baues legen werde: der eine wie der andere wäre höchst erstaunt gewesen. Und doch wäre es die Wahrheit gewesen.[30]

 

Fußnoten

[1] s. Personenregister im Anhang

[2] s. Personenregister im Anhang

[3] s. Personenregister im Anhang

[4] s. Glossar im Anhang

[5] Philon (s. auch Personenregister im Anhang) ging von einer völligen Trennung von rein geistiger Welt (kosmos noêtos) und sinnlich wahrnehmbarer Welt (kosmos aisthetos) aus und sucht nach einer Antwort auf die Frage, wie dennoch die Vermittlung zwischen Gott und Welt geschehen kann. Seine an Platon anknüpfende Lösung: Wir können zwar nie das Sein selbst, also Gott, wahrnehmen, aber doch seine Kräfte (dynameis) in der Welt. Diese Kräfte sind biblisch auch durch die Gottesnamen theos und kyrios ausgedrückt. Obwohl diese Kräfte eigentlich zahllos sind, nennt Philon manchmal sechs, meistens aber drei. Nicht ganz zufällig findet sich diese Dreiheit auch bei der Ausformulierung der christlichen Trinitätslehre wieder. Bei Philon besteht die Trias in der Regel aus Gottes Güte und Autorität, die beide durch Gottes Logos zusammengehalten werden. Die deutsche Johannes-Übersetzung lautet: „Wort“, wird damit aber der Vieldeutigkeit dieses Grundbegriffs der griechischen Philosophie nicht gerecht. Logos (griech. Λόγος) bedeutet zunächst Wort, Satz, Sprache oder Rede, aber auch Gedanke, Sinn oder Bedeutung. Logos bezieht sich auf alle durch die Sprache dargestellten Äußerungen der Vernunft. Bei Philon ist der Logos der Aspekt Gottes, der in Beziehung zur geschaffenen Welt steht, obwohl Philon hier manchmal sehr dunkel ist und gelegentlich sogar den Logos mit einem deuteros theos, einem zweiten Gott, identifiziert. Die Kräfte Gottes, mit denen er in der Welt wirkt, sieht Philon in den Engeln der Bibel sowie den daimones der griechischen Philosophie.

[6] Wick, P., Jesus gegen Dionysos? Ein Beitrag zur Kontextualisierung des Johannesevangeliums, Biblica 852004, 179-198. (Wick – Jesus und Dionysos.pdf)

[7] s. Glossar im Anhang

[8] L. Baeck, Der Glaube des Paulus, in: Ders., Paulus, die Pharisäer und das Neue Testament, Frankfurt: Ner Tamid Vlg. 1961, S. 24f (Baeck – Der Glaube des Paulus.pdf)

[9] s. Glossar im Anhang

[10] s. Glossar im Anhang

[11] Apostelgeschichte, Kap. 11,29f; Kap.12,25

[12] s. Personenregister im Anhang

[13] H. Graetz, Volkstümliche Geschichte der Juden. Berlin: Hartz Vlg. 1923, Bd. I, S. 607

[14] s. Glossar im Anhang

[15] Helena liegt wahrscheinlich im Tal der Könige nördlich von Jerusalem begraben, wenn auch der Entdecker des Grabes, Francois de Salcy, 1872 in seiner Dokumentationsschrift „Voyage en Sainte Terre“ gegen alle Beweise zu belegen suchte, dass es sich um das Grab König Davids und seiner Gemahlin gehandelt habe.

[16] Origines, Contra Celsum 2,30; zit. nach Harnack, a.a.O., S. 24

[17] Wohlgemerkt: nicht die Taufe, wie wir sie heute kennen, sondern die Selbsttaufe durch Untertauchen! Deshalb heißt es im griechischen Urtext von Lukas 3,7 auch βαπτισθηναι ενωπιν αθτον (und sie tauften sich selbst). Genau das geschah auch vor Johannes, der nur infolge einer Fehlübersetzung den Beinamen „der Täufer“ erhielt. ‏יוֹחָנָן הַמַּטְבִּיל(Jochanan habatbil) heißt wörtlich übersetzt: „die sich vor Johannes tauften“, denn die Wurzel טבל (taval = untertauchen) ist intransitiv. Im Judentum gab und gibt es nur die Selbsttaufe als rituell gültige Zeremonie, und genau das praktizierte auch Johannes, indem er das allen bekannte jüdische Ritual der Reinigung mit einem Aufruf zur Buße, zur Umkehr verknüpfte. Recht verstanden war er daher kein „Täufer“ (im deutschen Sinne der Übersetzung), sondern nur der Aufrufer zur Selbsttaufe.

[18] s. Personenregister im Anhang

[19] Deut. 6,4: שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהוָה אֱלֹהֵינוּ יְהוָה אֶחָד (‎sch‘ma jisrael adonai [JHWH] elohenu adonai [JHWH] echad – Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer). Gemeint ist das traditionelle Glaubensbekenntnis, das durch einen Satz aus der Mischna (mJoma 6,2) sowie den Toraabschnitten Deut. 6,5–9, Deut. 11,13–21 und Numeri 15,37–41 vervollständigt wird und jeden Tag zweimal zu beten ist.

[20] Mk. 12,28-34, ein Narrativ, das sich in ähnlicher Form in den beiden anderen synoptischen Evangelien befindet, so als die „Frage nach dem höchsten Gebot“ in Mt. 22, 35-40, bei Lukas zur Verdeutlichung der Aussage kombiniert mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk. 10, 25-28).

[21] zit. nach Harnack, a.a.O., S. 20

[22] Mt. 5,18

[23] Baeck, a.a.O. S. 26

[24] “Der Jude, der er in der Tiefe seines Wesens durch sein ganzes Leben blieb, hat in seiner Seele stets mit dem Menschen des neuen Glaubens, der er geworden ist, gekämpft.“ So Leo Baeck, Judentum in der Kirche, Zuerst erschienen als Judaism in the Church, Hebrew Union College Annual CHUCA II, 1925, S. 125-144; wieder abgedruckt in: ders., Aus drei Jahrtausenden (1938), wiederaufgelegt: 1958, S. 124

[25] a.a.O. S. 24

[26] Harnack, a.a.O. S. 62

[27] Ratzinger, Christi Himmelfahrt, in: Dogma und Verkündigung. München – Freiburg 1973, S. 365

[28] Harnack, a.a.O. S. 63

[29] Baeck, a.a.O. S. 26

[30] E. Renan, Die Apostel, S. 296f; zit. nach Harnack, a.a.O. S.25 Fn

Glossar

Adiabenisches Königreich Adiabene, das Hauptland des ehemaligen Assyrien, war ein kleines Königtum an den Ufern des Tigris, ein Vasallenstaat der Parther. Dieser kleine Staat, obgleich von den großen Reichen Rom und Parthien berührt, wusste seine Selbständigkeit zu behaupten und hat sich mehrere Jahrhunderte erhalten.Am Hof dieses Königs verkehrte ein judäischer Kaufmann mit Namen Anania, der den Prinzessinnen außer seiner Ware auch das Judentum empfahl und sie dafür gewann. Izates, dessen Frau Samach ebenfalls zu den Bekehrten gehörte, wurde auf Anania aufmerksam gemacht, ließ sich auf Gespräche mit ihm ein und bekannte sich schließlich um 18 n. Chr zum Judentum. Auch noch andere Heiden, teils aus der Stadt Palmyra, die durch den schwunghaften Handelsverkehr ins Land Lande gekommen waren, bekannten sich zum Judentum. Auch Izates‘ Mutter, Königin Helena, war, ohne dass der Sohn es wusste, von einem andern judäischen Heidenbekehrer für das Judentum gewonnen worden. Diese Fürsten scheinen griechisch-macedonischen Ursprungs gewesen zu sein; dafür spricht nicht nur der griechische Name Helena, sondern ganz besonders der Umstand, dass das königliche Ehepaar nach macedonischer Unsitte zugleich Geschwister waren. Wie groß die Anhänglichkeit des adiabenischen Königshauses an das Judentum war, bezeugt der Umstand, dass Helena eine Sehnsucht hatte, Jerusalem zu sehen; von ihrem Sohne unterstützt, trat sie die weite Reise an (um 43). Izates schickte auch fünf von seinen vielen Söhnen nach Jerusalem, um sie in der judäischen Religion und der hebräischen Sprache unterrichten zu lassen.
Etymologisch, von: Etymologie Lehre von der Wortherkunft
Halacha (hebräisch „Gehen“, „Wandeln“), ein allgemeiner Begriff, der das gesamte gesetzliche System des Judentums bezeichnet. Die Halacha umfasst die Gebote und Verbote der mündlichen und schriftlichen Überlieferung. Im Laufe ihrer Geschichte war sie stetem Wandel unterworfen.
gräzisieren nach griechischem Vorbild gestalten, die griechische Kultur (sowie Sprache)/Manier nachahmen, im griechischen Ton halten/gehalten sein, nach griechischer Sitte leben
Mizwa, Plural: Mizwot Die Mizwot (jüdische Vorschriften) sind elementarer Bestandteil des jüdisch-orthodoxen Glaubens. Neben den 10 Geboten gibt es weitere 613 Mizwot (darunter sind 365 Verbote und 248 Gebote), die in der Thora stehen und die der fromme Jude in sein Leben integriert. Die religiöse Mündigkeit erreicht ein jüdischer Junge im Alter von 13 mit der Bar Mitzwa („Sohn des Gebotes“)
Proselyt Der Begriff Proselyt (προσήλυτος prosēlytos) begegnet zum ersten Mal in den ältesten Teilen der Septuaginta, der griechischen Übersetzung der Hebräischen Bibel für das hellenistische Diapora-Judentum, und bedeutet wörtlich übersetzt „Hinzugekommener“. Über 200 Jahre nach seinem ersten Auftauchen definierte als erster Philo von Alexandria den Proselyten als Konvertiten zum Judentum.
Synedrium Eigentl. Synhedrion oder Synedrium (συνέδριον; etwa: Gemeinschaft Zusammensitzender oder Sitzung) bezeichnete ein antikes griechisches Beratungs- und Beschlussgremium (Ratsversammlung). In römischer Zeit verdrängte Synhedrion teilweise den Begriff bule als Bezeichnung für den Stadtrat.Aus dem Namen Synhedrion leitet sich die latinisierte Bezeichnung Synedrium (Synhedrium), talmudisch Sanhedrin, für den Hohen Rat in Jerusalem ab. Dieses 70-köpfige Gremium stellte vom 2. Jahrhundert v. Chr. bis zur Zerstörung des Tempels (70 n. Chr.) die höchste religiöse und politische Behörde des Judentums dar und tagte unter dem Vorsitz des amtierenden Hohenpriesters.
 Personenregister 
Baeck, Leo (* 1873, † 1956) Rabbiner, zu seiner Zeit der bedeutendste Vertreter des deutschen liberalen Judentums sowie jahrelang unbestrittene Führungsfigur und Repräsentant der deutschen Judenheit
Cato Marcus Porcius Cato Censorius, genannt Cato der Ältere, auch Cato der Censor (* 234 v. Chr; † 149 v. Chr), war römischer Feldherr, Geschichtsschreiber, Schriftsteller und Staatsmann. Er gilt bis in unsere heutige Zeit als Musterbeispiel eines römischen Konservativen.
Dubnow, Simon vollständiger Name: Semjon Markowitsch Dubnow (* 1860, † 1941) war ein russischer Historiker und Theoretiker des Judentums. Der Sohn eines Holzhändlers aus einem weißrussischen ‚Schtetl‘ war kein studierter Historiker, sondern ursprünglich Journalist in Wilna. 1881 übersetzte er die Volkstümliche Geschichte der Juden von Heinrich Graetz ins Russische. Von 1925 bis 1929 erschien sein Hauptwerk, die zehnbändige Weltgeschichte des jüdischen Volkes. 1931 folgte die Geschichte des Chassidismus in zwei Bänden. Alle Bücher veröffentlichte er zuerst auf Deutsch, kurz darauf auch auf Russisch, Hebräisch, Jiddisch und Englisch. In Berlin bildete er – neben Jakow Tejtel, dem Vorsitzenden des Vereins russischer Juden – das Zentrum der russisch-jüdischen Diaspora. Mit Einstein besprach er das Projekt einer jüdischen Universität für Europa. Bei seinen Kontakten zeigte er keine Vorurteile, traf Anarchisten, Menschewiken wie Monarchisten. Am 23. August 1933 flüchtete er im Alter von 73 nach Riga. Dort erschien die russische Ausgabe seiner Weltgeschichte und die ersten beiden Bände seiner Memoiren. Die Stadt wurde am 1. Juli 1941 von der Wehrmacht eingenommen; am 23. Oktober wurden die Rigaer Juden in ein Ghetto gesperrt. Am 29. November begannen die Massentötungen. Simon Dubnow wurde am 8. Dezember umgebracht, Augenzeugenberichten zufolge soll der Kommandant Johann Siebert persönlich den 81-jährigen Greis ermordet haben – er hatte ihn als Student bei Vorlesungen in Heidelberg gehört.
Feuchtwanger, Lion (* 1884, † 1958) deutsch-jüdischer Schriftsteller und einer der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts
Gamaliel Jüdischer Patriarch (* ca. 9, † 50 n. Chr) und die bedeutendste Persönlichkeit des rabbinischen Judentums um die Mitte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts. Er war ein Enkel von Hillel, ein pharisäischer Rabbi, Fürst des Sanhedrin und zusammen mit seinem Sohn bedeutendster Repräsentant der Hillel-Schule. Laut christlicher Tradition war er Lehrer des Apostels Paulus (siehe Apg. 22,3). Er machte sich in Jerusalem nach der Gefangennahme des Petrus und einiger Apostel zu deren Anwalt und bewirkte, dass diese nicht gesteinigt wurden (Apg. 5,34-42).
Graetz, Heinrich eigentl. Heinrich Hirsch Graetz (* 1817 in Posen; † 1891 in München) war ein deutsch-jüdischer Historiker, dessen Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart ein Standardwerk der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts und eine der wirkmächtigsten Gesamtdarstellungen der jüdischen Geschichte überhaupt darstellt. Jiddisch war seine Muttersprache. Seine elfbändige „Geschichte der Juden von den Anfängen bis auf die Gegenwart“ ist das erste moderne umfassende jüdische Geschichtswerk des späten 19. Jahrhunderts und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Die kürzere, lediglich dreibändige Fassung unter dem Titel Volkstümliche Geschichte der Juden, die erstmals 1888 erschien, wurde zu einem richtigen jüdischen Hausbuch.Graetz bot ein neuartiges Bild der jüdischen Geschichte: Für ihn war sie keine reine Religionsgeschichte, sondern hatte einen überreligiösen Zusammenhang, der sich zwar vor allem in der Ethik widerspiegelte, der aber auch national verstanden werden sollte. Den Ereignissen der jüdischen Geschichte gab Graetz eine neue Bedeutung. So wurden z. B. die Hasmonäer bzw. Makkabäer, die eigentlich für die Freiheit der jüdischen Religion kämpften, in seinen Büchern „Nationalgesinnte“, „Männer (…), welche ihr Vaterland liebten“. Er übertrug die moderne Nationalstaatsidee des 18. und 19. Jahrhunderts auf frühere Zeiten. Graetz wurde durch sein Werk zu einem der Vorläufer des Zionismus, wenn er selbst auch die Beteiligung daran abgelehnt hatte und nicht an die Möglichkeit der Wiedererrichtung eines jüdischen Staates in Palästina glaubte.
Harnack, Adolf von (* 1851, † 1930) gilt als der bedeutendste protestantische Theologe und Kirchenhistoriker des späten 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts sowie als bedeutender Wissenschaftsorganisator in Preußen
Hillel (* 110 v. Chr, † 9 n. Chr) einer der bedeutendsten pharisäischen Rabbiner aus der Zeit vor der Zerstörung des zweiten Tempels, Vorsteher des Sanhedrin und Gründer einer Schule zur Auslegung der Schrift, auf den sich Juden bis heute oft berufen. Seinen Aussagen nach lässt sich die Tora in einer „Goldenen Regel“ zusammenfassen. Die Frage nach dem „Klal“, nach dem einen Gebot, in dem die ganze Tora enthalten ist, ist eine beliebte Frage unter rabbinischen Gelehrten. Jahrzehnte vor Jesus stellte ein Nichtjude eine solche Frage an Rabbi Hillel: Wenn du mir die Lehre des Judentums vermitteln kannst, solange ich auf einem Bein stehe, werde ich konvertieren. Die Szene ist auf der großen Menora vor der Knesset in Jerusalem im Relief dargestellt.Rabbi Hillel antwortete: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füge auch keinem andern zu. Das ist die ganze Tora, alles andere ist Kommentar.“ Nach Mt 7,12 sagt Jesus: „Alles nun, was immer ihr wollt, dass euch die Leute es tun, das tut ihr ihnen ebenso. Denn das ist die Tora und die Propheten.“
Josephus Flavius Josephus (* 37 oder 38   n. Chr. als Joseph ben Mathitjahu ha Kohen in Jerusalem; † nach 100), römisch-jüdischer Historiker des 1. Jahrhunderts, der seine Werke auf Griechisch verfasste (zum Teil zunächst aber in seiner aramäischen Muttersprache).Josephus war der Sohn einer angesehenen priesterlich-königlichen Familie aus Jerusalem. Er ist mit Philon von Alexandria der wichtigste Autor des hellenistischen Judentums und hatte sich, obwohl seiner Herkunft nach den Sadduzäern nahestehend, früh den Pharisäern angeschlossen. Während des Jüdischen Krieges gegen Rom in den Jahren 66–70 war Josephus zunächst jüdischer Militärkommandeur in Galiläa. In dieser Funktion war er unter anderem mit der Befestigung vieler Städte in Galiläa betraut. Er wurde 67 von den Truppen des Vespasian bei der Eroberung Jotapatas gefangen genommen, wechselte die Seiten und wurde zum Berater der Römer bei der Belagerung Jerusalems. Um die Stadt und den herodianischen Tempel zu schonen, versuchte er vergeblich, zwischen den verfeindeten Parteien zu vermitteln. Letztlich fiel Jerusalem im Jahre 70 an die Römer unter Vespasians Sohn Titus, der nach der Ausrufung seines Vaters zum Kaiser das Oberkommando übernommen hatte. Gemeinsam mit Titus ging Josephus nach Rom, wo er das römische Bürgerrecht erhielt.
Origines Kirchenvater (* 185 n. Chr. , † 254). Origines prägte die christliche Theologie der ersten Jahrhunderte und gilt als der bedeutendste Theologe der orientalischen Kirche
Philo von Alexandria Philo Judaeus, oder, wie er in der hebräischen Literatur geannt wird, Jedidja von Alexandria, Zu Jesu Lebzeiten einflussreicher jüdischer Philosoph (ca. 25 v. Chr. bis 50 n. Chr.), der in der ägyptischen Diaspora lebte. Er ist der einzige griechisch schreibende jüdische Philosoph, von dessen Werk uns nicht nur Bruchstücke, sondern vollständige Bücher erhalten geblieben sind. Philo kann als ein hervorstechendes Beispiel für die Synthese aus Judentum und Hellenismus im Diasporajudentum des 1. Jahrhunderts gelten: Einerseits war er in der jüdischen Tradition verwurzelt. Seine Schriften sind primär Auslegung der Thora, wenn auch stark philosophisch durchdrungen. Nach dem Kirchenvater Hieronymus soll er sogar priesterlicher Herkunft gewesen sein. Andererseits war Philo auch sehr von der griechischen Bildung geprägt. Griechisch sprach er fehlerfrei, Hebräisch konnte er so gut wie gar nicht. Auch seine Schriften enthalten zahlreiche Zitate und Anspielungen aus der griechischen Literatur.
Plinius Römischer Gelehrter (* 23, † 79 n. Chr), bekannt durch seine Briefe
Renan, Ernest französischer Schriftsteller, Historiker, Archäologe, Religionswissenschaftler und Orientalist (* 1823, † 1892)Renan begann als Student der katholischen Theologie, 1844 erhielt er die niederen Weihen, verließ aber das Seminar 1845, da ihm schwerwiegende Zweifel an der historischen Wahrheit der Heiligen Schrift des Christentum aufgekommen waren. Verschiedene Reisen vor allem in den Nahen Osten führten zur Entstehung seines Hauptwerkes „Das Leben Jesu“, dessen erster Band 1863 erschien. In diesem Werk versucht Renan, das Leben, die Gestalt und den Weg Jesu aus den antiken Verhältnissen seiner Zeit heraus zu erklären und die Gestalt Jesu als die eines Menschen darzustellen, der nach seinem Tod von seiner Gemeinde zum „Gott“ gemacht wurde.
Schammai (* um 50 v. Chr., † ca. 30 n. Chr.), auch Schammai der Alte genannt, jüdischer Religionsgelehrter, war der wichtigste Konkurrent seines Lehrers Hillel
Tertullian Quintus Septimius Florens Tertullianus oder kurz Tertullian (* nach 150; † nach 220) war ein früher christlicher Schriftsteller.

 

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