Geschichte,  Theologie

Zur Biographie der hl. Edith Stein

Anmerkungen zu einigen gängigen Topoi

„Edith Stein wuchs in einer sehr religiösen jüdischen Familie in Breslau auf.“

Das finde ich so nicht richtig. Edith Stein wuchs in einer bürgerlichen Familie auf, die schon insofern etwas Besonderes war, als ihr Vater früh verstarb und der Mutter einen Holzhandel und elf Kinder hinterließ, von denen allerdings vier bereits vor der Geburt Ediths verstorben waren. Die Mutter arbeitete von früh bis spät für den Erfolg des Unternehmens, das mehrere Angestellte hatte, und schaffte es so, ihren Kindern ein von finanziellen Sorgen weitgehend freies Leben zu ermöglichen. Edith Steins Mutter verstand sich als konservative deutsche Patriotin, aber mit einer jüdischen Seele, ganz im Sinne eines ‚deutschen Staatsbürgers jüdischen Glaubens‘. Für sie war die jüdische Religion ein wichtiger Bezugspunkt in ihrem Leben und sie versuchte auch, dies ihren Kindern zu vermitteln. Die hohen jüdischen Festtage wurden im Familienkreis auf traditionelle Weise begangen. Um die Zeit des Pessachfestes wurde die Kaschrut eingehalten. Die Mutter suchte auch an den traditionellen Festen die Synagoge auf, verlangte dies aber nicht unbedingt von ihren Kindern. Es finden sich typische reformierte Elemente: die Mutter geht als Frau in die Synagoge, und die jüngste Tochter – Edith – nimmt in der Sederfeier des Pessachfestes die Rolle des jüngsten Sohnes ein, der nach jüdischer Liturgie nach dem Grund dieser Feier zu fragen hat.

Edith Stein 1926 als Lehrerin

Nicht nur Edith sondern auch ihre Geschwister, von der (entfernten) Verwandtschaft ganz zu schweigen, waren sich zwar ihrer jüdischen Identität immer bewusst, ohne deshalb am religiösen Leben allzu intensiv teilzunehmen.

Edith und ihre Schwester Rosa waren sogar diejenigen, die das – zumindest bis zur Pubertät – noch am ehesten taten. Doch löste sich der Zusammenhang mit dem Judentum von der religiösen Grundlage, selbst wenn die Geschwister mit Rücksicht auf die Mutter innerhalb des Hauses die Riten und Bräuche formell mitvollzogen. Edith Stein selbst scheint hauptsächlich von der häusli­chen Liturgie berührt worden zu sein, die sie in ihren Erinnerungen ausführlich schildert. Der schulische jüdische Religionsunterricht hin­gegen hinterließ wohl keine Spuren: in ihren Erinnerungen verliert sie über die jüdische Liturgie nur sporadische, eher anekdotenhafte Bemerkungen. Während eines Aufenthaltes bei ihrer Schwester in Hamburg 1906 hat sich die 15jährige, wie sie später erzählt, „das Beten ganz bewußt und aus freiem Entschluß abgewöhnt[1]. „Damit zieht sie einen Schlussstrich unter eine persönliche religiöse Praxis und dialogische Gottesbeziehung, die nun auch vom weggefallenen äußeren Rahmen herkömmlicher Liturgie nicht mehr stimuliert wird. Zutreffend wird man hier von einer fortan durchaus toleranten agnostischen Haltung Edith Steins sprechen, welche die Existenz Gottes oder eine Gottesidee als solche nicht abstreitet, welche die religiöse Einstellung anderer wie auch religiöse Traditionen respektiert, die aber dieses Göttliche für unerkennbar und eine praktisch­religiöse Haltung für die eigene Person und das eigene Leben als bedeutungslos oder gar unmöglich erachtet. Darauf lassen ihre vereinzelten Bemerkungen zur Gottesidee in dieser Phase schließen, wie auch ihre anscheinend intensivere Beschäftigung mit dem – ethisch­religiösen – Werk des (jüdischen) Philosophen Spinoza, seiner ‚amor dei intellectualis‘, ab 1911.“[2]

Edith Stein mit ihrem Neffen Helmut
Edith Stein mit ihrem Neffen Helmut

Alle Geschwister Ediths neigten mit dem Erwachsenwerden einem eher säkularen Judentum zu, ohne große religiöse Ambitionen. Die beiden älteren Brüder heirateten sogar, sehr zum Missfallen der Mutter, eine nichtjüdische Frau. Das bedeutete aber nicht, dass es daraufhin zum Bruch kam. Die Mutter fand zwar, dass die beiden Schwiegertöchter „keine von uns“ seien, ließ sie dies aber in keiner Weise spüren. Und die einzige Tochter (Frieda), die sich im Einvernehmen mit der Mutter dazu bereitfand, eine traditionell arrangierte Ehe einzugehen, stand nach sechs Monaten schwanger wieder vor der Haustür der Mutter, weil sich die Ehe mit einem Witwer mit zwei Kindern als Fiasko erwiesen hatte. Die Mutter nahm Frieda, die sich wenig später wieder scheiden ließ, ohne zu zögern wieder zu Hause auf, und sie war ihr im elterlichen Betrieb die größte Stütze.

„1938 wechselte sie das Kloster: weil sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft die anderen Schwestern nicht in Schwierigkeiten bringen wollte, ging sie nach Echt in den Niederlanden.“

Auch das stimmt m.E. nicht ganz. Denn Edith Stein blieb auch im Kölner (und später im Echter Karmel) jemand Besonderes. Nicht nur, dass sie den Bischof listig dazu hatte bewegen können, ihr für ihre philosophischen Studien, die sie auch während des Noviziats weiterhin betrieb, Bücher zu gestatten, die eigentlich auf dem kirchlichen Index standen; sie tauschte sich, wann immer es ihre Zeit erlaubte, im persönlichen Gespräch oder brieflich mit Freunden und Wissenschaftskollegen im In- und Ausland aus (übrigens bis unmittelbar zu ihrer Deportation 1942!), pflegte und erweiterte ihre Bekanntschaften und beriet sich insbesondere mit jüdischstämmigen Freunden und Verwandten, die von Verfolgung, wirtschaftlichem Abstieg und Absonderung bedroht waren oder sich bereits auf die Emigration vorbereiteten. Auf diese Weise gewann Edith Stein, die sich sowieso stets einen wachen politischen Verstand bewahrt hatte, einen nuancierten Einblick in die aktuelle Lage von jüdischen Deutschen in ihrer (nun nationalsozialistischen) Heimat. Für die Priorin und ihre Mitschwestern muss es irritierend gewesen sein, dass ausgerechnet die Novizin Edith Stein, die bei der Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs am 10. April 1938 nicht stimmberechtigt war (Priorin zum Beamten, der die Wahlliste führte: „Sie ist nichtarisch.“), sie eindringlich beschworen hatte, bei der Wahl mit Nein zu stimmen da der „Führer“ ein Feind Gottes sei.

Pius XI Sendschreiben "Mit brennender Sorge" 1937
Pius XI Sendschreiben „Mit brennender Sorge“ 1937

Und wenig später, am 21. April 1938, nahm sie – völlig unüblich – die Ablegung ihrer ewigen Gelübde zum Anlass, um in einer Brandrede ihren Mitschwestern eindringlich den Ernst der Lage zu schildern und sie zu Solidarität und einem klaren Bekenntnis aufzufordern. Ich bezweifle sehr, dass sie damit Erfolg hatte. Im persönlichen Gespräch hier und da vielleicht, aber nicht nach außen hin! Mit „brennender Sorge“, das hatte ja Papst Pius XI., in den Edith Stein Jahre zuvor vergeblich Ihre Hoffnungen gesetzt hatte[3], in seiner Enzyklika vom 14. März 1937 hinreichend klargemacht, wurde nicht etwa die Verfolgung der Juden in Deutschland betrachtet (diese wird mit keinem Wort erwähnt), sondern vielmehr „die Unkrautkeime des Misstrauens, des Unfriedens, des Hasses, der Verunglimpfung, der heimlichen und offenen, aus 1000 Quellen gespeisten und mit allen Mitteln arbeitenden grundsätzlichen Feindschaft gegen Christus und seine Kirche“. Dem Oberhaupt der katholischen Kirche kam es gar nicht in den Sinn, die Rassengesetze zu geißeln: „Niemand denkt daran, der Jugend Deutschlands Steine in den Weg zu legen, der sie zur Verwirklichung wahrer Volksgemeinschaft führen soll“, solange sie nicht versuche „die sittliche Ordnung vom Felsenboden des Glaubens abzuheben und auf dem wehenden Flug Sand menschlicher Normen aufzubauen“.[4] Da von Seiten der Amtskirche keinerlei Unterstützung zu erwarten war, erwies sich dann die Übersiedlung in den Karmel Echt in den Niederlanden als beste Lösung für alle Beteiligten. Edith Stein geriet, zumindest temporär, aus der Gefahrenzone und das Kloster bot keine mögliche Angriffsfläche mehr für die nationalsozialistischen Behörden.

„Doch auch dort waren die beiden Schwestern nicht sicher. Obschon Edith Stein sich dessen bewusst war, wollte sie nicht in ein sicheres Kloster in der neutralen Schweiz flüchten, denn ihre Schwester Rosa hätte nicht mitkommen können.“

Hier beginnt die besondere Tragik im Leben der Edith Stein, die sich ungeachtet mancher Äußerungen, die dies vermuten ließen, eigentlich nie als Märtyrerin empfunden oder darin ihr Lebensziel gesehen hatte. Ganz im Gegenteil! Ihr Vorbild war die biblische Königin Esther, die mit List den Haman (Regierungsbeamter des Perserkönigs Ahasveros [Xerxes]) besiegt und es erreicht hatte, dass der von Haman geplante „Genozid“ an den Juden vom König umgewandelt wurde in einen straffreien Massenmord, den statt dessen die Juden unter ihren Feinden anrichten durften. Esther riskierte viel – und gewann! Alljährlich wird dies beim Purim-Fest gefeiert, und das dabei verzehrte traditionelle Gebäck („Haman-Taschen“) dürften Edith Stein noch aus ihrer Kindheit bekannt gewesen sein. Zwar schrieb sie am 31.3.1938 an Schwester Agnes (Petra Brüning), die Oberin des Dorstener Ursulinen-Klosters: „Ich bin eine sehr arme und ohnmächtige kleine Esther; aber der König, der mich erwählt hat, ist unendlich groß und barmherzig. Das ist ein so großer Trost.“[5] Aber auch die „kleine Esther“ wollte (über-)leben, noch mehr: sie sah geradezu ihre Bestimmung darin! Edith Stein ließ sich zwar leiten von der Überzeugung, dass ihr eigenes Leben, das Schicksal ihrer Angehörigen und aller bedrohten Juden in Gottes Hand liege. Damit hörte es aber nicht auf, ihr im Rahmen ihrer Möglichkeiten ein herausforderndes Anliegen zu bleiben. Stellvertretend wollte sie für die Juden vor Gott leben und für sie beten und sich einsetzen in der Lebensform ihrer Klostergemeinschaft. Ganz deutlich wird dieses Selbstverständnis in Edith Steins szenischem Dialog ‚Nächtliche Zwiesprache‘ aus dem Jahre 1941[6], den sie ihrer Priorin in Echt widmet. Hier begegnet die „Mutter“ (die Priorin als Metapher für die Mutter Kirche) einer Fremden, die sie zunächst für die Gottesmutter Maria hält. Doch die Unbekannte verneint:

Und meine Seligkeit ist’s, ihr zu dienen. „Ich bin es nicht – doch kenn‘ ich sie gar wohl, Ich bin aus ihrem Volk, von ihrem Blut, Und einst wagt‘ ich mein Leben für dies Volk.“

Da erkennt die Mutter ihre Besucherin:

„Der Frauen eine bist du, die wir ‘Vorbild‘ nennen? Du setztest für dein Volk aufs Spiel das Leben? Und hattest damals wohl schon keine Waffe, Als die zum Flehen aufgehob’nen Hände? So bist du Esther wohl, die Königin? (…) Und heute hat ein and’rer Haman ihm In bitt’rem Haß den Untergang geschworen. Ist’s darum wohl, daß Esther wiederkehrt?

Esther:

Du sagst es. – Ja, ich ziehe durch die Welt, Den Heimatlosen Herberg‘ zu erflehen, Dem stets vertrieb’nen und zertret’nen Volk, Das doch nicht sterben kann.

Mutter:

(…) Ihr Volk, das deines ist: dein Israel, Ich nehm‘ es auf in meines Herzens Herberg‘. Verborgen betend und verborgen opfernd Hol‘ ich es heim an meines Heilands Herz.

Esther:

Du hast verstanden, und so kann ich scheiden. Ich bin gewiß, der Gast wird nicht vergessen, Der zu dir trat in mitternächt’ger Stunde.“ Quelle: Edith Stein: Geistliche Texte Bd. 2. ESGA Bd. 20

Sieht man einmal ganz ab von der Fülle (z.T. fragwürdiger) theologischer Implikationen, die dieser kleine ‚Szenische Dialog‘ an anderen Stellen noch bereit hält[7]; eines dürfte doch deutlich sein: Edith Stein fühlte sich berufen und war auch noch 1941/42 voller Sendungsbewusstsein. Ein früher Tod passte nicht zu diesem Lebensentwurf. So korrespondierte sie auch aus den Niederlanden weiterhin mit Freunden und Verwandten, diskutierte noch 1942 ausführlich Probleme der Husserlschen Phänomenologie mit einem Doktoranden, und schrieb in jeder freien Minute an Ihrem Buch über Johannes vom Kreuz, das unvollendet ihr letztes bleiben sollte.

Ungeachtet ihrer Lebensumstände lebte sie immer noch so, wie sie es Jahre zuvor Roman Ingarden anlässlich ihres geplanten Eintritts in die katholische Kirche beschrieben hatte: „Meine Arbeiten sind immer nur Niederschläge dessen, was mich im Leben beschäftigt hat, weil ich nun mal so konstruiert bin, daß ich re­flektieren muß.“[8] Sie war vielleicht nicht so ahnungslos und weltfremd wie ihre Mitschwester Mathildis Welter aus dem Kölner Karmel, die ihr am 13.Juli 1942 schrieb: „Es wird schon alles gut werden, liebes Benediktlein, das Kreuz ist der Adelstitel und es ist schon recht, wie Gott es fügt, die Endstation ist sicher mal wieder: Colonia Agrippina Köln.“[9]
Aber sie rechnete auch nicht damit, dass sie nur noch kurze Zeit zu leben hatte, obwohl sie beim Erhalt dieses Briefes davon ausging, dass an eine Übersiedlung in die Schweiz nicht mehr zu denken war.[10] Denn bereits am 9.4.1942 schrieb sie in einem Brief an ihre Freundin Hildegard Vérène Borsinger in der Schweiz, die ihr bei der Planung der geholfen hatte: „Liebe Gibby, (…) Da ich nichts mehr von Ihnen weiter hörte, nehme ich an, daß Sie dort dieselbe Antwort erhielten wie wir hier von der General-Oberin der Karmelitinnen vom S. Herzen: daß Einreise in die Schweiz unmöglich sei Ende Januar mußten wir in unserer Angelegenheit nach Maastricht fahren und Ende März nach Amsterdam. Man hat uns versichert, daß vor Kriegsende an Auswanderung nicht zu denken sei. Und was dann kommt, darauf kann man sich heute nicht vorbereiten. Wir führen also unser Leben ruhig weiter und überlassen die Zukunft dem, der allein darüber Bescheid weiß. In den Fragebogen, die wir ausfüllen mußten, haben wir als Ziel U.S.A angegeben. Indessen bekam ich auch aus einem spanischen Karmel die Aufforderung, dorthin zu kommen, was aber jetzt auch nicht möglich sein dürfte.“[11]
Während sich der deutsche Klerus ebenso wie das römische Episkopat weitgehend in Schweigen hüllte, wenn es um die Verfolgung von jüdischen Mitbürgern oder gar Mitchristen ging, war dies in den Niederlanden anders, obwohl es auch dort eine nationalsozialistische Bewegung gab und die staatlichen Behörden sich der NS-Besatzungsmacht nicht entgegenstellten, sondern kooperierten. Nirgendwo in Europa gelang es den Nationalsozialisten ohne großen Widerstand, so viele jüdischstämmige Einwohner zu deportieren wie in den Niederlanden (über 100.000 = ca. 85 %). Paradoxerweise war es gerade die entschlossene und kämpferische Haltung, die die christlichen Kirchen in den Niederlanden – besonders die katholische – im Hinblick auf die Verfolgung jüdischer Mitbürger vertraten, die der bis zuletzt optimistischen Schwester Teresa Benedicta zum Verhängnis wurde.
Die Haltung der katholischen Kirchen in Deutschland und in den Niederlanden war grundverschieden[12]: Der Wi­derstand deutscher Katholiken hätte sich gegen die eigene Regierung gerichtet, derjenige der holländischen Katholiken richtete sich aber gegen die Politik einer fremden Besatzungsmacht. In Deutschland wie in Holland halfen zwar einzelne Katholi­ken Juden, unterzutauchen, aber die Leitung der katholischen Kirche in Deutschland protestierte nicht öffentlich gegen die systematische Entrechtlichung, Verhaftung und Deportation der Juden. Ganz anders der Erzbischof von Utrecht, Johannes de Jong, der schon Anfang des Krieges gegen den von den deutschen Besatzern geforderten „Ariernachweis“ öffentlich protestierte. Er verbot nicht nur im Januar 1941 den Katholiken die Mitgliedschaft in der holländischen nationalsozialistischen Bewegung, was zu einem massenhaften Austritt der Katholiken aus dem Verband führte; er untersagte auch im März 1942 den katholischen Einrichtungen, Schilder mit „Für Juden verboten“ aufzuhängen. Die Bischöfe der großen christlichen Kirchen wandten sich öffentlich gegen den Ausschluss jüdischer Kinder von katholischen und öffentlichen Schulen. Trotzdem hielten sich die Besatzer mit Sanktionen zunächst zurück, um die reibungslose Durchsetzung ihrer Pläne nicht zu gefährden.
Dennoch dürfte sich Edith Stein der Gefahr, in der sie schwebte, bewusst gewesen sein. Erzbischof de Jong initiierte gemeinsame Hirtenbriefe aller zehn christlichen Kirchen, die von den Kanzeln verlesen wurden. Am 11. Juli 1942 sandten sie in einem beispiellosen Akt ein Protest-Telegramm an den zuständigen NS-Reichs­kommissar Seyß-Inquart. Darin protestierten die Kirchen scharf gegen die Deportation der Juden in den Niederlanden. Eine solche Maßnahme, so schrieben die Kirchen, stehe im Widerspruch zu Recht und Barmherzigkeit und verstoße gegen das „sittliche Empfinden des niederländischen Volkes“. Um nicht noch weitere Unruhen zu schüren, sagte Seyß-Inquart zu, dass Juden nicht „weggebracht“ werden sollten, sofern sie vor Januar 1941 einer christlichen Kirche angehörten, bestand aber auf strikter Vertraulichkeit dieser Vereinbarung. Dessen ungeachtet wurde beschlossen, das Telegramm in allen niederländischen Kirchen verlesen zu las­sen und das den Nazis abgerungene vertrauliche Zugeständnis öffentlich zu machen.
Als die deutschen Behörden davon erfuhren, übten sie Druck auf die Kirchen aus, damit diese auf ihr Vorhaben verzichteten. Die Protestanten gaben nach, die calvinistisch-reformierten Kirchen und die Katholische Kirche jedoch nicht. Der Hirtenbrief und das Telegramm wurden am 26. Juli in allen katholischen Kirchen und Kapellen verlesen. Der Erzbischof selbst war sich der tragischen Seite seines Entschlusses, nicht nur gegen die Deportation jüdischstämmiger Katholiken, sondern aller Juden seine Stimme zu erheben, durchaus bewusst. Die Repressalien folgten bald. In einem Vermerk des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) vom 30. Juli hieß es: „Nunmehr werden die sämtlichen katholischen Juden noch in dieser Woche abgeschoben.“[13]
Am Sonntag, dem 2. August, wurden schon am frühen Morgen im ganzen Land Katholiken jüdischer Herkunft verhaftet, insgesamt 245 von geschätzt um die Tausend. 144 davon wurden deportiert, darunter Edith Stein und ihre Schwester Rosa. Edith Stein weigerte sich laut Augenzeugenberichten zunächst brüsk, der Aufforderung der deutschen Ordnungspolizei, einer Unterabteilung des SD (Sicherheitsdienstes), ihre Klausur zu verlassen, Folge zu leisten. Es half beiden auch nichts, dass ihre Priorin auf die SD-Männer einredete, sie und ihre Schwester seien zur Ausreise in die Schweiz bestimmt. Zwar war am 30.7. endlich die erwartete Anforderung aus der Schweiz eingetroffen, doch am 3.8.1942 verweigerte die Eidgenössische Behörde die Einreise (am 11.8. dann nach erneuter Eingabe endgültig). Da waren allerdings Edith und Rosa Stein längst verhaftet und ins Sammellager Amersfoort gebracht worden.
Dass sie aber märtyrerhaft ihre Schwester Rosa mit den Worten „Komm, wir gehen für unser Volk“ bei der Hand genommen habe, wie laut einem (einzigen!) Buch über Edith Stein angeblich Marike Densing, eine Nachbarin des Echter Karmels, gehört haben will[14], ist eher unwahrscheinlich. Obwohl unzählige Male kolportiert und sogar in der Ansprache zur Seligsprechung von Papst Johannes Paul II angeführt, ist dieses Zitat nicht nur mehrdeutig, sondern auch keineswegs sicher verbürgt, weshalb es – so kann man es auf der Homepage des Erzbistums Köln nachlesen – weder in der frühesten Biographie über Edith Stein noch in den Akten zur Seligsprechung erwähnt wird.
Gegen diese ‚legenda aurea‘ spricht auch ein Brief vom 4.8.1942, den Edith Stein an die „liebe(n) Mütter und Schwestern“ im Kloster Echt schickte: „heute nacht sind wir von der Durchgangsstation Amersfoort aufgebrochen und früh hier gelandet. Hier sind wir sehr freundlich empfangen worden. Man will alles tun, damit wir freikommen oder zumindest hier bleiben dürfen. Es sind alle Katholiken zusammen und hier im Schlafsaal alle Klosterfrauen (2 Trappistinnen, 1 Dominikanerin, Ruth, Alice, Dr. Meirowsky u. a.). Auch die 2 Trappistenpatres von Tilburg sind bei uns. Es wird auf alle Fälle nötig sein, daß Ihr unseren Personalausweis schickt, unsere Stammkarten und Brotkarten. Wir haben bisher ganz von der Mildtätigkeit der andern gelebt. Wir hoffen, daß Ihr die Adresse des Konsuls gefunden und Euch mit ihm in Verbindung gesetzt habt. Wir haben vielen Nachricht an Euch aufgetragen. (…) Wir sind ganz ruhig und fröhlich. Natürlich bisher keine hl. Messe + Kommunion; kommt vielleicht später. Nun kommen wir ein bißchen dazu zu erfahren, wie man rein von innen her leben kann. Innigste Grüße an alle. Wir schreiben wohl bald wieder.“[15] Und am 6.8.1942 bat sie schriftlich: „Morgen früh geht 1 Transport (Schlesien oder Tschechoslowakei ??). Das Notwendigste ist wollene Strümpfe, 2 Decken. Für Rosa alles warme Unterzeug und was in der Wäsche war, für beide Handtücher u. Waschlappen. Rosa hat auch keine Zahnbürste, kein Kreuz u. Rosenkranz. Ich hätte auch gern den nächsten Brevierband (konnte bisher herrlich beten). Unsere Identitätskarte, Stamm- und Brotkarten.“[16] – Sie mag zwar immer noch ahnungslos in Bezug auf das tatsächliche Ziel des Transports gewesen sein, aber den Tod suchte sie weder noch erwartete sie ihn so bald.

„Am 7. August 1942 wurden die beiden Schwestern nach Auschwitz deportiert, bereits zwei Tage später starben sie in der Gaskammer des Vernichtungslagers.“

Auch der Todestag 9.8.1942 ist nirgendwo verbürgt, ebensowenig wie die Todesursache. Das Datum entstammt einer Liste der niederländischen Justizbehörden aus dem Jahre 1950. Am Abend des 8.8.1942 traf der Transport von 987 Juden aus dem niederländischen KZ Westerbork in Ausschwitz-Birkenau ein. 464 davon wurden als „arbeitsfähig“ selektiert, die übrigen 523 getötet[17]. Da sich ihre Spur damit verlor und man davon ausgehen musste, dass niemand von diesem Zug das Lager überlebt hat, wird allgemein angenommen, die niederländischen Behörden hätten deshalb für alle Häftlinge des Transports das Todesdatum auf den folgenden Tag, den 9.8.1942, festgelegt.

Denn im Lager Auschwitz-Birkenau herrschten damals chaotische Zustände. Seit Monaten wütete die schlimmste Fleckfieberepidemie seit 1940, die täglich 250-300 Todesopfer forderte, nicht nur unter den Häftlingen, sondern auch unter den Bewachern und SS-Leuten. [18] Das Lager war deshalb seit Anfang Juli hermetisch abgeriegelt; so gut wie niemand gelangte hinaus. Aber täglich kamen neue Züge hinein. Da die Lagerleitung alles getan hatte, um das wahre Ausmaß der Katastrophe vor dem Reichssicherheitshauptamt in Berlin zu verbergen, für die Entseuchung aber tonnenweise Zyklon B anforderte, hatte Himmler im Vertrauen auf die Ausbaufähigkeit des Vernichtungspotentials im Juli 1942 verfügt, die Aufnahmekapazität des KGL Birkenau auf 200.000 Häftlinge (von ursprünglich 20.000 in Januar 1942) zu erhöhen. Abertausende von Fleckfieberopfern wurden in den Monaten vor Edith Steins Ankunft im Massengräbern verscharrt, weil die Kapazitäten der z.T. ausgefallen zwei vorhandenen Krematorien (ein drittes befand sich im Bau) nicht ausreichten.
Alle „Neuzugänge“, die man als „arbeitsunfähig“ einstufte, wurden daher so schnell wie möglich fabrikmäßig „entsorgt“, um Platz für die nächsten zu schaffen. Wann und wie genau nun Edith Stein an diesem albtraumhaften Ort starb, werden wir vielleicht nie erfahren. Vermutlich hat sie unter den obwaltenden Umständen im Lager Birkenau nicht lange überlebt, ist möglicherweise sogar selbst am Fleckfieber gestorben. Da die Aufzeichnungen des KZs für diese Zeit äußerst lückenhaft sind, weiß man zwar, dass 149 Frauen mit den Nummern 15812-15960 als „arbeitsfähig“ aussortiert wurden. Doch lassen sich den für Frauen vorgesehenen Nummernkreisen für Häftlinge, die am 8.8.1942 aus Westerbork ankamen, keine Namen zuordnen.[19]
Wir sollten uns allerdings fragen, ob Edith Steins Erhebung auf den Marmorsockel der Heiligkeit nicht auch ein Versuch war, das Leben und Wirken einer zum Katholizismus konvertierten deutschen Jüdin als Feigenblatt zur Verdeckung des völligen Versagens des deutschen und römischen Episkopats zu instrumentalisieren. Denn schon die sorgfältig komponierte Rede von Johannes Paul II. zur Seligsprechung gipfelt in dem denkwürdigen Satz: „Im Vernichtungslager ist sie als Tochter Israels ‚zur Verherrlichung des heiligsten Namens (Gottes)‘ und zugleich als Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz – als vom Kreuz Gesegnete – gestorben.“ [20]
Ich bin mir nicht sicher, ob sich Edith Stein ihr Lebensende und ihre Wirkung wirklich so vorgestellt hat. Nur widersprechen konnte sie Karol Wojtyla ebensowenig wie dem (damaligen) Kölner Erzbischof Joseph Höffner. Er meinte anlässlich der Seligsprechung, Edith Stein habe sterben müssen, „weil die national-sozialistischen Machthaber sich an den katholischen Bischöfen rächen wollten, die für die Rechte und die Würde jedes Menschen, auch des Juden, öffentlich eingetreten waren“.[21]
Das mag richtig sein für einzelne Stimmen in den Niederlanden, aber doch ganz sicher nicht für die Mehrheit der katholischen Bischöfe, schon gar nicht der deutschen. Johannes de Jong und seine Mitstreiter mögen durch ihre aufrechte Haltung aus heutiger Sicht taktisch unklug gehandelt haben. Aber sie haben wenigstens Stellung bezogen. Nur als im Interesse der gefährdeten jüdischstämmigen Katholiken wirklich einmal Schweigen geboten gewesen wäre, ging de Jong auf Konfrontationskurs – übrigens derselbe Bischof, der Edith Stein noch ein halbes Jahr zuvor hatte wissen lassen: „Ihr Leiden ist unaussprechlich groß. Wie oft tritt man an Uns heran mit der dringendsten Bitte um Hilfe in ihrer Not, aber Wir stehen vollkommen machtlos. Mit brennendem Schmerze müssen Wir jedem, und leider auch Ihnen, antworten: Wir können nichts für Sie tun!“[22]
Aber nehmen wir Joseph Kardinal Höffner doch einmal beim Wort: Hat etwa das Schweigen deutscher Bischöfe und römischer Kardinäle die jüdischen Deutschen vor der Entrechtung und Vernichtung bewahrt? Ist es nicht moralisch fragwürdig, Edith Stein als „Schicksalsgefährtin unserer Menschlichkeit“ (Höffner 1987 in einem in 170.000 Exemplaren verteilten Hirtenbrief) zu vereinnahmen. Für ihn selbst, der in Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern geehrt worden war, mag das noch angehen. Aber gilt dies auch für die Haltung der katholischen Kirche während der NS-Zeit insgesamt? Wie man es also dreht und wendet: In der ganzen Debatte um Edith Stein sind noch viele Ungereimtheiten und dunkle Stellen aufzuarbeiten. Das gilt nicht zuletzt auch für die oft behauptete „Versöhnung von Wissenschaft und Glauben“, die ich bei Edith Stein nicht entdecken kann. Und soweit ich sie verstanden habe, hätte sie eine solche Zuschreibung auch selbst abgelehnt.


[1] zit. nach: Aus dem Leben einer jüdischen Familie. ESGA, Bd. 1, S. 86 (alle Seitenangaben beziehen sich auf die frei verfügbare Internetausgabe: https://www.karmelitinnen-koeln.de/edith-stein-archiv-kk/gesamtausgabe)

[2] Felix M. Schandl: „Ich sah aus meinem Volk die Kirche wachsen“. Edith Steins christliches Verhältnis zum Judentum und ihre praktischen Konsequenzen. In: Teresianum 43 (1992/1), S. 56
[3] Was sie nicht wissen konnte, war, dass Pius XI. im Juni 1938 tatsächlich eine Enzyklika in Auftrag gegeben hatte, die aber wegen seines Todes 1939 über das Entwurfsstadium nicht hinauskam. Näheres dazu bei Jan H. Nota: Edith Stein und der Entwurf einer Enzyklika über Rassismus und Antisemitismus (Freiburger Rundbriefe, 1974). Wieder abgedruckt in: W. Herbstrith (Hg.); Edith Stein – eine große Glaubenszeugin. Annweiler: Vlg. Thomas Plöger. 1986, S. 109-127. Doch muss man wohl „froh sein, dass die vorliegenden Entwürfe nie offizielle kirchliche Verlautbarung geworden sind“. (ebd, S. 125)
[4] Alle Zitate aus der deutschen Übersetzung des „Rundschreibens seiner Heiligkeit (…) über die Lage der katholischen Kirche im Deutschen Reich“ (so der offizielle Titel). Münster: Regensbergsche Buchdruckerei, 1937
[5] Edith Stein an Petra Brüning, 31.10.1938. ESGA, Bd. 3, S. 297
[6] Alle Zitate aus: Edith Stein, Nächtliche Zwiesprache. ESGA, Bd. 20, Geistliche Texte 2, S. 132ff
[7] Ausführlich dazu Schandl, a.a.O. [8] Edith Stein an Roman Ingarden v. 15.10.1921. ESGA. Bd. 4, S. 105
[9] zit. aus Briefkonvolut Kölner Karmel an Karmel Echt v. 13.7.1972. ESGA, Bd. 3, S. 513f
[10] Dabei blieb es allerdings nicht. Denn nachdem sich die Angelegenheit nach zusätzlichen Forderungen der Schweizer Behörden und des Vatikans weiter verzögert hatte, gab es am 17.7.1942 dann doch noch die lang erwartete Zusage, an die Edith Stein schon selbst nicht mehr geglaubt hatte.
[11] Edith Stein an Hilde Vérène Borsinger. ESGA, Bd. 3, S. 494
[12] s. zum Folgenden Theo Salemink: Gab es einen katholischen Widerstand gegen die politische Verfolgung der Juden. theologie.geschichte Beiheft 2/2010, S. 156ff
[13] zit. nach „Durch Verfälschung zur Heiligen“. In: Der SPIEGEL. 27.4.1987
[14] Andreas U. Müller, Maria A. Neyer: Edith Stein. Einsiedeln: Benzinger 1998, , S. 279, Anm. 26
[15] Edith Stein an Priorin Antonia Engelmann v. 4.8.1942. ESGA. Bd. 3, S. 532
[16] Edith Stein an Priorin Antonia Engelmann v. 6.8.1942. ESGA. Bd. 3, S. 534
[17] vgl. dazu http://www.tenhumbergreinhard.de/taeter-und-mitlaeufer/dokumente/auschwitz-teil-4b-august-1942.html; Häftlingsnummernverzeichnis Ausschwitz in: https://eguide.arolsen-archives.org/fileadmin/eguide-website/downloads/H%C3%A4ftlingsnummernverzeichnis_dt_aroa.pdf
[18] vgl. zum Folgenden Jean-Claude Pressac: Die Krematorien von Ausschwitz. München: Piper 1994, S. 51ff
[19] Die seitdem in der Literatur immer wieder Edith Stein zugeschriebene „Häftlingsnummer 44074“ dürfte die von den NS-Behörden vergebene „Transportkarten“-Nummer sein, ist aber mit Sicherheit keine in Ausschwitz vergebene Häftlingsnummer. (Vgl. z.B. Waltraut Herbstrith: Edith Stein – ihr wahres Gesicht? Berlin – Münster: LIT Verlag 2006, S. 212) Da die Frauenabteilung in Ausschwitz-Birkenau erst im März 1942 eingerichtet worden war, lag die Nummerierung 1942 noch unter 20.000.
[20] zit. n. Predigt von Johannes Paul II. im Stadion Köln-Müngersdorf am Freitag, 1. Mai 1987
[21] zit. nach „Durch Verfälschung zur Heiligen“. In: Der SPIEGEL, 27.4.1987
[22] Joh. de Jong an Edith Stein v. 23.12.1941. ESGA. Bd. 3, S. 475

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