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Schreiben wie gedruckt – die Grundschrift

Ist das Ende der deutschen Schreibschrift gekommen?

Kinder müssten sich heutzutage „viele der mühsam antrainierten Bewegungsabläufe bei der Weiterentwicklung zu einer flüssig zu schreibenden persönlichen Handschrift wieder abgewöhnen“, bemängelt Erika Brinkmann. Sie ist Professorin für Deutschdidaktik und Landesvorsitzende des Grund-schulverbandes, der nun die Revolution beginnen will. Aus der seinerzeit überhasteten Einführung der Vereinfachten Ausgangsschrift zieht man den Schluss: Es muss mal wieder eine neue Schrift her – die „Grundschrift“. Diese Art Druckschrift sei eine „Entlastung“ für Schüler. Skeptiker fürchten jedoch die „kulturelle Verarmung“.

 

Schreibschrift, nein danke!

Was Millionen von Schülern vor ihnen geschafft haben, ist offenbar heutigen Kindern nicht mehr zuzumuten. Zwei Schriften – das bringen sie intellektuell nicht mehr auf die Reihe. Glaubt zumindest Ulrich Hecker, Grundschulrektor aus Moers und stellvertretender Vorsitzender des Grundschulverbandes: „Wenn Kinder zwei Schriften lernen, lernen sie zwei Alphabete. 104 verschiedene Zeichen − das verwirrt nur.“

Grundschrift - und dann geht alles wie von selbst?
Grundschrift – und dann geht alles wie von selbst?

Die neue Schrift, die sein Verband vorschlägt, soll keine einheitliche Normschrift sein. „Sie gibt den Kindern sehr viel Freiheit“. Auch in die bisherigen Linienvorgaben soll sie kein Kind mehr zwängen. Wenn Kinder z.B. lieber groß schreiben, sollen sie das eben von Anfang an tun. Vorbei seien die Zeiten, in denen Schüler Buchstaben so genau schreiben müssen, dass jedes Häkchen genau an der richtigen Stelle sitzt. Jetzt dürfen es die Kleinen machen, wie es ihnen gerade so gefällt.

Eine Arbeitsgruppe unter Heckers Leitung hat die neue „Grundschrift“ sozusagen am Reißbrett entworfen. Sie orientiert sich im Wesentlichen an gedruckten Schrifttypen, die die Schüler im Unterricht kennen lernen. Die Kleinbuchstaben verfügen meist über einen kleinen Bogen am Ende, damit sie miteinander verbunden werden können. Müssen sie aber nicht, denn das ist im Gegensatz zur bisherigen Schreibschrift nicht mehr Pflicht!
Glaubt man dem Miterfinder und Verbandsvorsitzenden Horst Bartnitzky, so ist das Ganze kinderleicht. Der pensionierte Lehrer ist überzeugt, dass die neue „Grundschrift“ Schüler von einer schweren Last befreit: Bisher musste erst die Druckschrift gelernt und dann nach ein bis zwei Jahren später eine Schreibschrift hinzugelernt werden, die wieder ganz anders aussieht. „Die Kinder sollten von Anfang an mit jener Schrift das Schreiben lernen, mit der sie das Lesen lernen“, meint Bartnitzky.

 

Schreiben nach dem Baumarktprinzip

Die Buchstaben der „Grundschrift“ seien für Kinder gut erkennbar – und würden schnell zu einer eigenen Handschrift führen. Bartnitzky hat für seine Schrift ein Argument parat, das geradezu märchenhaft klingt: Kinder lernen sie quasi von allein. „Jedes Kind kann die Buchstabenverbindungen ausprobieren, die für seine Hand gut geeignet sind„, meint Bartnitzky. Schreibenlernen erfolgt gewissermaßen nach dem Baumarktprinzip, wie Kritiker bemängeln: Jeder Schüler nimmt sich, was er braucht und setzt selbst was zusammen, so gut er es eben hinkriegt.

 

Hamburg legt los

Hamburg ist das erste Bundesland, in dem es die Schulbehörde den Grundschulen überlässt, ob die Zweitklässler eine „Schwung-Schrift“ erlernen oder die „Grundschrift“ in Druckbuchstaben. An den Hamburger Grundschulen soll nach den Sommerferien das Unterrichten der bisherigen Schreibschrift nicht mehr obligatorisch sein. Das sorgt schon jetzt für Unruhe. Der Grundschulverband sieht in der Grundschrift eine Erleichterung für die ABC-Schützen:

„Die Kinder lernen bereits in der 1. Klasse Druckschrift, müssen dann in der 2. Klasse eine neue Schrift lernen, obwohl sie schon längst in Druckbuchstaben schreiben können. Die Schriftentwicklung wird unterbrochen. Durch die Grundschrift können die Kinder schneller und vor allem lesbarer schreiben.“
(Ulrich Hecker)

Das wurde seinerzeit von der Vereinfachten Ausgangsschrift auch behauptet. Warten wir’s also ab.

(Die Zitate stammen aus: Chr. Füller, Schnörkelloser schreiben. TAZ 13.4.11)

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